Ausgabe 02/2017 

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Das Magazin der BayernLB

Unternehmen & Management

Ausgabe 02/2017

Lindner Group

Bei der Lindner Group, Europas führendem Spezialisten für baurelevante Dienstleistungen, wird Innovation großgeschrieben, weit über das Kerngeschäft hinaus. Das hat in dem Familienunternehmen Tradition. Und auch beachtlichen Erfolg
von Ute Klein

Darf´s a bisserl mehr sein?

Sonntagabend, 30. Oktober 2016. Im bayerischen Fernsehen läuft „Unter unserem Himmel". Es geht um „Metzgersleut' im Rottal". Niederbayern. Beschauliche Ortschaften, bodenständige Menschen, ein Berufsstand im Wandel – und kritische Anmerkungen zu Fleischkonsum und Fragen artgerechter Tierhaltung. Dann fällt plötzlich ein Name, der in diesem Zusammenhang nicht zu passen scheint. Lindner. „Nahe Eggenfelden will das in Markt Arnstorf ansässige, weltweit tätige Bauunternehmen in die Metzgerbranche einsteigen", heißt es in dem Fernsehbeitrag.

Moment mal. Lindner? Etwa dieser internationale Player, erfolgreich auf allen großen und prestigeträchtigen Baustellen der Welt? Der soll sich jetzt als dem Tierwohl verschriebener Bio-Bauer und Metzger versuchen? Das kann doch nur ein Scherz sein, oder?

„Keineswegs", sagt Veronika Lindner, Tochter des Firmengründers und Finanzchefin des Unternehmens. „Was wir anpacken, packen wir richtig an. Das gilt für alle unsere Projekte." Und das sind nicht wenige. Seit mehr als 50 Jahren wächst die Unternehmensgruppe kontinuierlich. Aus dem kleinen 3-Mann-Betrieb, mit dem sich Firmengründer Hans Lindner im Jahr 1965 nach einer Lehre in einem Sägewerk und Studium an der heutigen Fachhochschule Rosenheim selbstständig machte, ist in wenigen Jahrzehnten ein international äußerst erfolgreiches Unternehmen entstanden. Mit 6.000 Mitarbeitern weltweit, davon rund 3.000 am Firmenstammsitz in Arnstorf.

Name mit Klang:
Die Lindner Group war schon an vielen Prestigebauten der Welt beteiligt - so auch am Bau der Philharmonie in Paris.
Foto: wwwLindner-Group.com

Es gibt kaum ein bauliches Großprojekt, an dem die Lindner Group nicht beteiligt ist – ob an der Elbphilharmonie in Hamburg, dem Museum Brandhorst in München, dem Bundeskanzleramt in Berlin oder der U-Bahn von Dubai und dem Flughafen in Hongkong. Doch das rührige Familienunternehmen beschränkt sich eben nicht allein aufs Bauen. Zur Gruppe gehören auch Hotels, Brauereien und ein Mehrgenerationenhaus samt angeschlossener Pfegeschule.

Allein die Tatsache, dass Lindner heute in mehr als 20 Berufen ausbildet, ist alles andere als gewöhnlich. Gerüstbauer? Trockenbaumonteur? IT-Anwendungsentwickler? Brauer? Koch oder Altenpfleger? Hier lassen sich sehr viele Karrieren starten.

Das widerspricht vielem, was gängige Management-Theorien lehren. Nämlich, dass Unternehmen– besonders Familienunternehmen – nur dann bestehen können, wenn sie sich auf einen engen Markt konzentrieren. Die Regel lautet: Nicht diversifizieren, sondern konzentrieren. Spitz aufstellen, nicht breit. Lindner hingegen praktiziert das genaue Gegenteil. Und ist äußerst erfolgreich damit. Nicht nur im originären Geschäftsbetrieb, sondern eben auch in vielen weiteren Aktivitäten. Etwa beim jüngsten Vorhaben: ökologische Landwirtschaft, die sich am Tierwohl ausrichtet.

Zuständig dafür ist Patrick Ossiander. Wie alle Ehemänner der vier Töchter von Seniorchef Hans Lindner ist auch er im Unternehmen tätig. Er verantwortet die Bereiche Land- und Forstwirtschaft sowie die Auslandstöchter in den USA und Westeuropa. Aktiv Landwirtschaft zu betreiben, vorhandene Flächen für biologischen Ackerbau und Viehzucht zu nutzen sowie die ganzjährig auf der Weide lebenden Tiere ohne Tiertransport mobil zu schlachten und in die Fleischverarbeitung einzusteigen – dieses Vorhaben ist für ihn eigentlich eine logische Fortführung der Familientradition. „Wenn man sich die Firmengeschichte anschaut, hat die Entwicklung neuer Geschäftsfelder immer dazugehört", sagt er. „Egal, ob das der Bau von Konzertsälen oder der Schiffsausbau war. Wir haben immer geschaut, was geht. Was zu uns passt und Sinn macht. Die Rendite steht bei unserem Projekt Landwirtschaft allerdings nicht im Vordergrund."

Schauen, was geht. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg bei Lindner. Jetzt eben Weideschweine, glückliche Hühner, Rinder und bald auch Schafe. „Es fällt uns leicht, diesen Schritt zu gehen, da wir den eigenen Markt im Haus haben", sagt Patrick Ossiander.

Allein an Schweinefleisch braucht das Unternehmen fünf Tonnen pro Monat, die künftig selber von Tieren aus artgerechter Weidehaltung gewonnen werden sollen. In Bio-Qualität von A bis Z, vom Anbau des eigenen Futters bis zum zubereiteten Schweine- oder Rinderbraten. Der Bedarf ist da, nicht nur für die Kantine und das Bistro am Standort Arnstorf, sondern auch für das zum Unternehmen gehörende Mehrgenerationenhaus mit Seniorenstift, dem eine Altenpflegeschule angeschlossen ist sowie ein Kindergarten und ein Geburtshaus. Darüber hinaus muss die von der Familie in Mariakirchen betriebene Schlossbrauerei samt Gasthof und Biergarten mit Fleisch versorgt werden, ebenso wie die firmeneigenen Hotels vor Ort. Was bei anderen vielleicht bloß als Hobby nebenbei läuft, wird bei Lindner in ein Erfolgsprojekt verwandelt. Ursprünglich aus der Notwendigkeit heraus entstanden, weil in Arnstorf gehobene Unterkünfte für Geschäftskunden fehlten, betreibt das Unternehmen neben dem 4-Sterne-Haus im Ortsteil Mariakirchen unter der Marke mk in Deutschland nun bereits acht weitere Hotels und eines in London. „Uns wurde immer vorgelebt: Wenn du was machst, mach es gescheit", sagt Veronika Lindner. „Das ist ein Grundsatz, der sich bei uns durch jedes Engagement durchzieht." Dass so viele Geschäftsfelder parallel nebeneinander gut funktionieren, hat auch damit zu tun, dass jeder in dem Familienunternehmen seinen klar abgegrenzten Zuständigkeitsbereich verantwortet. Dies gilt für die Führungskräfte, aber eben auch für die Familienmitglieder. „Wir sind groß genug, dass wir uns hier nicht ständig auf die Füße treten", sagt Veronika Lindner. „Wir diskutieren immer alles sehr engagiert miteinander. Aber im Endeffekt hat jeder von uns sein Fachgebiet und seinen Themenbereich."

Bis auf Johanna Lindner und ihren Mann, die den Bereich Hotel & Gastro verantworten und die im vier Kilometer entfernten Mariakirchen leben, wohnen alle weiteren Familienmitglieder in fußläufiger Distanz zueinander. Die räumliche Nähe garantiert ständigen Austausch und Diskussionen, die im Einzelfall nötig sind. „Natürlich knallt es bei uns auch mal", sagt Veronika Lindner. „Aber jeder weiß, dass der andere es gut meint. Von niemandem bekommt man ein so ehrliches Feedback wie aus der Familie. Insofern finden wir immer konstruktive Lösungen. Das wissen wir alle sehr zu schätzen."

Family Business:
Veronika Lindner managt die Finanzen, Patrick Ossiander ist neben Land- und Forstwirtschaft für das Auslandsgeschäft verantwortlich.
Foto: Robert Brembeck

Nur über einen Punkt gibt es in der Familie keine Diskussionen: Die Lindner Group ist ein Familienunter- nehmen und wird es auch bleiben. Nicht nur im engeren Sinn, sondern auch bezogen auf die Belegschaft.

„Wir haben hier viele Mitarbeiter in dritter Generation und legen auch sehr viel Wert auf diese langjährigen Beziehungen", sagt Veronika Lindner. „Bei allen Leistungserwartungen versuchen wir immer, unseren Leuten hier Geborgenheit und Heimat zu bieten."

75 Prozent der Führungskräfte kommen aus den eigenen Reihen. Rund ein Drittel der Belegschaft arbeitet 15 Jahre und länger für das Unternehmen, viele mit sehr eigenen Qualitäten. „Unsere Mitarbeiter sind ein ganz eigener Schlag", sagt Patrick Ossiander. „Hemdsärmelig und sehr geradeheraus."

Die Einstellung „Geht nicht, gibt’s nicht" hat, wie schon für Unternehmensgründer Hans Lindner, bis heute nichts an Relevanz verloren. Weder für die Firmenleitung noch für die Mitarbeiter. „Es gibt eigentlich keine Projektidee, bei der wir sagen müssten: Tut uns leid, das können wir nicht. Da finden unsere Leute immer eine gute Lösung", sagt Unternehmertochter Veronika. „Bei uns haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, ihre Potenziale voll auszuleben. Weil wir ständig wachsen und in immer neue Bereiche vordringen, muss auch keiner warten, bis der Stuhl seines Vorgesetzten frei wird. Wenn bei uns einer vorwärtskommen will, findet sich im Unternehmen immer eine geeignete Möglichkeit."

Die Lindner Group ist in den letzten 50 Jahren permanent größer geworden. Durch neue, innovative Produktideen, den Aufbau eigener Produktionseinheiten und zusätzliche Geschäftsbereiche. Wann immer sich eine gute Gelegenheit bietet, durch Übernahmen weiterzuwachsen, greift die Lindner Group mutig zu. Mit einer Eigenkapitalquote von 67,5 Prozent hat sie auch das Zeug dazu. Schon so manche Firma wurde erfolgreich integriert, manche allerdings auch weniger. Doch auch in diesen Fällen gilt ein geflügeltes Wort von Firmengründer Hans Lindner: „Selten ein Schaden ohne Nutzen."

So wie etwa bei der ersten Übernahme in der Unternehmensgeschichte. 1982 kaufte Lindner die Jade Holzwerke in Wilhelmshaven. Nur leider ließ sich das Unternehmen nicht sanieren und musste geschlossen werden. Trotzdem hatte der Deal am Ende etwas Gutes für sich, schaffte er doch die Grundvoraussetzung für einen ersten Bauauftrag der Deutschen Bank, die für ihr Hochhaus in Frankfurt damals eine nicht brennbare Holzwandverkleidung haben wollte – und die Lindner ohne die Expertise aus Wilhelmshaven nicht so einfach hätte fertigen können. Ein Großauftrag, der in der Folge weitere Großaufträge nach sich zog.

An dieser Stelle kommt eine weitere Erfolgsstrategie des Unternehmens zum Tragen. Neue Wege gehen – unbedingt. Aber wenn sich zeigt, dass die eingeschlagene Richtung nicht passt, darf es auch mal einen Schritt zurückgehen, mit der Möglichkeit, dadurch vielleicht wieder zwei Schritte vorwärtszukommen. So wie beim Börsengang 1991.

„Wir haben mit der Zeit gemerkt, dass wir nicht an die Börse passen", sagt Veronika Lindner. „Dieses Korsett war uns einfach zu eng. Die ganzen Regularien und IFRS-Themen. Das passt nicht zu uns. Die Bilanzen sind für unsere Bankpartner da und nicht für den Aktienkurs." Doch auch aus dem Börsengang, der 2009 mit einem Squeeze-out endete, erwuchs am Ende ein Gewinn – in diesem Fall ein sozialer. Veronika Lindner: „Durch den Börsengang kam damals viel Geld ins Unternehmen und die Familie. Und da der Grundsatz unseres Vaters schon immer war, wenn es dir gutgeht, lass andere daran teilhaben, haben meine Eltern seinerzeit eine Stiftung ins Leben gerufen."

Die Stiftung existiert bis heute und ist Teil des Nachhaltigkeitsgedankens, der die Lindner Group wie so viele familiengeführte Unternehmen auszeichnet.

Glückliche Schweine:
Artgerechte Tierhaltung und ökologische Landwirtschaft wird bei Lindner großgeschrieben.
Foto: Lindner-Group/ASonderfeld

„Nachhaltigkeit ist bei uns im Unternehmen ein ganzheitlicher Ansatz", sagt Veronika Lindner. „Das fängt schon damit an, dass wir das Unternehmen als Familienunternehmen erhalten wollen. Es prägt die Art und Weise, wie wir arbeiten – umweltbewusst und nachhaltig. Wir setzen in der Produktion und auf unseren Baustellen weltweit auf zukunftsorientiertes Energiemanagement und angewandten Umweltschutz. Deshalb sind wir Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. Aber wir wollen auch in unseren Kundenbeziehungen nachhaltig sein. Es ist uns wichtig, dass der Kunde wiederkommt und unsere Geschäftsbeziehung eine langfristige ist."

Nachhaltigkeit ist für Lindner aber auch geschäftsfeldübergreifend ein sehr wichtiges Thema. „Dieser Ansatz bestimmt unser unternehmerisches Tun und zieht sich durch bis hin zur Landwirtschaft, wo wir Wert darauf legen, dass die Böden nicht überstrapaziert werden und die Tiere artgerecht gehalten werden."

Womit wir wieder beim neuesten Lindner-Projekt wären: den Metzgersleut' im Rottal – und der Bio- Landwirtschaft.

Foto oberer Bildrand (Ausschnitt): Lindner-Group/ASonderfeld