Ausgabe 02/2017 

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Hidden Champions

Ausgabe 02/2017

Wir sind Spitze

Keine Nation der Welt zählt so viele Hidden Champions wie Deutschland. Was die Créme unseres Mittelstandes international so erfolgreich macht. Eine Spurensuche in der Provinz
von Stefan Schmortte

Wenn es so etwas gäbe wie einen Weltmeister-Index deutscher Unternehmen, dann wären diese drei garantiert dabei: Mekra Lang aus Ergersheim, Kaeser aus Coburg und Brückner aus Siegsdorf.

Die DAX-30-Unternehmen Adidas, Siemens oder Volkswagen kennt jeder, aber diese drei nicht unbedingt. Denn sie sind in sehr besonderen Geschäftsfeldern unterwegs. Mekra Lang baut Spiegel- und Kamerasysteme für den Nutzfahrzeugmarkt. Kaeser hat sich auf Produkte und Dienstleistungen im Bereich Druckluft spezialisiert. Und Brückner Maschinenbau ist als Teil der gleichnamigen Firmengruppe ein Anbieter von Produktionsanlagen für die Herstellung monoaxial und biaxial gestreckter Folien.

Hidden Champions gibt es auch in der Tierwelt. Fünf besonders erfolgreiche Kandidaten des Survival of the Fittest.

Glaucus Atlanticus:
Die sogenannte blaue Ozeanschnecke sieht nicht nur etwas skurril aus, sie pflegt auch eine recht eigene Form der Verteidigung. Ihre Beute, vorzugsweise Quallen, werden nicht einfach nur als Nahrung vertilgt, sondern auch als Waffenarsenal missbraucht. Das Gift der Quallen lagert die Ozeanschnecke in ihren Ausstülpungen unverdaut ab und nutzt es dann zur eigenen Kriegsführung. Clausewitz wäre begeistert gewesen.

Foto: Getty Images/Oxford Sientific

Klingt zunächst einmal wenig glamourös, ist es aber. Denn alle drei Unternehmen dominieren mit ihren Produkten den Weltmarkt. Sie zählen zu den Besten der Besten, zur Elite des deutschen Mittelstands. „Genau diese Hidden Champions machen unsere Exportnation so erfolgreich", sagt Hermann Simon, emeritierter Wirtschaftsprofessor und Gründer der Bonner Strategie- und Unternehmensberatung Si- mon-Kucher & Partners. „Kein Land dieser Erde zählt so viele Weltmarktführer wie wir."

Mag Amerika auch für die Innovationskraft seines Silicon Valley bewundert werden, schämen muss sich Deutschland deshalb nicht. Bereits seit den 90er-Jahren sammelt Simon weltweit Daten über die oft wenig bekannten Mittelstandshelden und ist dabei zu sehr erstaunlichen Resultaten gelangt. Seine globale Liste international führender Unternehmen umfasst mittlerweile gut 2.700 Namen, von denen mehr als 1.300 aus Deutschland stammen – also fast jedes zweite Unternehmen. Damit kommen hierzulande auf eine Million Einwohner rund 16 Global Player und Weltmarktführer. In den Vereinigten Staaten sind es gerade mal 1,2 – trotz des Hypes um die so zukunftsträchtige Internet-Ökonomie von Google, Facebook & Co.

Die Frage, die sich aufdrängt: Warum ist das eigentlich so? Weshalb spielt die deutsche Wirtschaft im internationalen Geschäft seit Jahrzehnten eine dermaßen wichtige Rolle und hat China gerade erst wieder den Titel des Exportweltmeisters abgenommen? Was ist der Grund, dass ausgerechnet zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen so viele Hidden Champions zu Hause sind? „Die eine alles erklärende Ursache gibt es natürlich nicht", sagt Simon.

„Bei dem Versuch, diese Frage zu beantworten, stoßen wir auf ein ganzes Bündel von Einflussfaktoren, die teilweise weit in die Geschichte zurückreichen."

Trochilidae:
Kolibris fliegen besser als jeder Hubschrauber. Auf der Stelle, vorwärts und sogar rückwärts – mit bis zu 50 Flügelschlägen pro Sekunde. Damit sind die kleinen Vögel, bezogen auf ihre Körpergröße, die schnellsten Wirbeltiere der Welt. Auf ihren Balzflügen erreichen sie Spitzengeschwindigkeiten von 385 Körperlängen pro Sekunde. Zum Vergleich: Der Mach 3 schnelle Abfangjäger MIG-25 schafft gerade mal das 40-Fache seiner Gesamtlänge.

Foto: Getty Images/Tetra Images

Sehr weit sogar, mindestens zurück bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts. Anders als beispielsweise Frankreich ist Deutschland damals noch kein Nationalstaat, sondern ein Flickenteppich aus Grafschaften, Fürsten- und Herzogtümern. Wer sich um 1815 von Köln nach Königsberg auf den Weg machte, musste rund 80 Zollstationen passieren. Jeder Unternehmer, der wachsen wollte, hatte nur eine Chance. Er musste sein Geschäft frühzeitig internationalisieren, nicht nach USA oder Fernost wie heutzutage, aber eben von München nach Stuttgart oder von Köln nach Hamburg.

„Dieser Drang zur Internationalisierung macht gewissermaßen die DNA deutscher Unternehmenskultur aus und setzt sich bis heute fort", sagt Simon. „Hiesige Mittelständler beginnen sehr viel früher und bei kleinerer Unternehmensgröße als ihre ausländischen Kollegen mit dem Export. Das ist der Nährboden, auf dem Hidden Champions gedeihen."

Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund. Es ist die sprichwörtliche Ingenieurskunst, die den deutschen Mittelstand so erfolgreich macht. Investoren aus China haben das längst erkannt und kaufen reihenweise Firmen auf. Allein 2016 zählten die Unternehmensberater von Ernst & Young hierzulande 68 Übernahmen – 70 Prozent mehr als im Vorjahr. 12,6 Milliarden Euro ließen sich die Chinesen ihre Akquisitionen kosten, eine neue Rekordsumme.

„Das Interesse chinesischer Unternehmen an Zukäufen in Europa und vor allem in Deutschland ist weiter enorm", sagt Alexander Kron, Leiter Transaction Advisory bei Ernst & Young. „Die Investoren aus Fernost sind bereit, auch hohe Summen zu zahlen, um auf diesem Weg neue Geschäftsfelder zu erschließen und sich stärker im Hightech-Segment zu positionieren."

Das Ziel ist von den Machthabern in Peking klar vorgegeben: Weltmarktführerschaft in allen entscheidenden Schlüsselbranchen bis 2050. Kein Preis ist ihnen dafür zu hoch und kein Weg zu weit. An Deutschland jedenfalls führt für sie kein Weg vorbei. Und so lesen sich die Namen auf ihrer Einkaufsliste denn auch wie ein Who’s who hiesiger Maschinenbaukunst: Kion, Kiekert, Krauss-Maffei und als bisher letzter, großer, spektakulärer Deal – Kuka, einer der weltweit innovativsten Roboterhersteller.

Qualitätssiegel:
„Made in Germany“, einst von den Briten erfunden, um das Königreich vor billiger Importware zu schützen, ist heute ein Ausweis erster Güte.

Illustration: iStock

„Made in Germany", Ende des 19. Jahrhunderts von den Briten als Herkunftsbezeichnung erfunden und gedacht, um das Königreich vor billiger und minderwertiger Importware aus dem Kartoffelland des Kontinents zu schützen, bezeichnet heute das genaue Gegenteil: Waren auf dem Höhepunkt der mechanischen Entwicklung, hergestellt mit größter Präzision.

Naturgegeben ist der Technologievorsprung deutscher Hidden Champions selbstverständlich nicht. Sie tun auch sehr viel dafür, dass ihnen der Erfolg auf Dauer erhalten bleibt. Schon ganz allgemein belegt Deutschland im Erfinder-Ranking des Europäischen Patentamts einen Spitzenplatz. Gut 25.000 Anmeldungen registrierte die Behörde 2016 – weit mehr als doppelt so viele wie aus dem zweitplatzierten Frankreich und 350-mal so viele wie aus Griechenland.

Bezogen auf die Weltmarktführer aus der Provinz, verstärkt sich der Eindruck sogar noch. So hat Mittelstandsexperte Hermann Simon herausgefunden, dass die Hidden Champions im Schnitt doppelt so viel in Forschung und Entwicklung investieren wie deutsche Großunternehmen – ungefähr sechs Prozent ihres Umsatzes. „Technologie und Kundenbedürfnisse fungieren bei ihnen als gleichgewichtige Antriebskräfte von Innovationen", sagt Simon. „Sie schielen nicht auf kurzfristige Quartalserfolge, sondern investieren langfristig und kontinuierlich."

So wie etwa Mekra Lang aus Ergersheim. Das in dritter Familiengeneration geführte Unternehmen produziert mit seinen 2.500 Beschäftigten heute an 18 Standorten weltweit jährlich mehr als acht Millionen Außenspiegel für Nutzfahrzeuge sowie Kamera-Monitor-Systeme. „Hochschulpartnerschaften sichern die Nähe zur Grundlagenforschung, deren Erkenntnisse unmittelbar in die Entwicklung unserer Produkte einfließen", sagt Geschäftsführer Werner Lang. „Gepaart mit den Anforderungen unserer Kun- den und den Ideen unserer Lieferanten, entsteht so der innovative Mix, der uns zum Technologieführer im Markt gemacht hat."

Vulpes zerda:
Gegen den Wüstenfuchs sind Actionhelden wie Bruce Willis bloße Weicheier. Als absoluter Spezialist der Extreme überlebt er in Gebieten, in denen nur 100 Milliliter Niederschlag fallen – pro Jahr. Während der Mensch im unwirtlichen Saharaklima eimerweise Wasser braucht, um nicht auszutrocknen, reicht dem kleinen Kerl die Flüssigkeit, die er mit seiner Nahrung aufnimmt, etwa Reptilien und Springmäuse. Seine Lauscher übrigens – bis zu 15 Zentimeter lang bei einer Körpergröße bis zur Schulter von nur 20 Zentimetern – leisten ihm beim Aufspüren der spärlichen Beute unverzichtbare Dienste. Selbst die Abhörspezialisten der Geheimdienste könnten ohne ihre Technik dagegen einpacken.

Foto: Getty Images/Bruno D´Amicis/naturepl.com

Ein Erfolg, der dem Unternehmen auch von unabhängiger Stelle attestiert wird. Die Münchner Unternehmensberatung MSG wertete im Auftrag der „Wirtschaftswoche" gerade erst Daten von insgesamt 3.500 Unternehmen aus, um die fortschrittlichsten Mittelständler des Landes zu küren. Ein wichtiges Kriterium dabei: ihre Innovationsstärke – dokumentiert und bemessen daran, dass ein solches Unternehmen mindestens 25 Prozent seines Umsatzes mit Produkten generiert, die erst in den vergangenen vier Jahren entstanden sind.

Mekra Lang schaffte den Sprung unter die 15 Bestplatzierten des Landes – neben dem Rollkofferhersteller Rimowa, dem Keksfabrikanten Bahlsen und dem Kameraproduzenten Leica. „Diese Auszeichnung macht uns sehr stolz", sagt Geschäftsführer Lang. „Sie bestärkt uns darin, dass wir auch im branchenübergreifenden Wettbewerb mit unseren Neuheiten eine sehr gute Figur abgeben."

Innovationsstärke ist freilich nur eine, wenn auch sehr wichtige Erklärung dafür, was einen Mittelständler zum Hidden Champion macht. „Ein entscheidender Faktor für unseren Erfolg sind unsere mehr als 500 hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter 65 Prozent Diplomingenieure", sagt Helmut Huber, Geschäftsführer Verkauf & Projektmanagement bei der Brückner Maschinenbau GmbH & Co. KG, Teil der gleichnamigen Unternehmensgruppe mit Stammsitz im bayerischen Siegsdorf und heute der weltweit führende Anbieter von Produktionsanlagen für die Herstellung hochwertiger Verpackungsfolien.

Odontodactylus scyllarus:
Der Fangschreckenkrebs sieht zwar nicht besonders scharf, dafür aber schneller als jedes andere Lebewesen dieser Welt. Statt die empfangenen Bilder wie der Mensch im Hirn feinzutunen, begnügt sich der Krebs mit einem Scan der Umgebung. Das spart Zeit und Energie, schränkt seine Überlebensfähigkeit aber keineswegs ein. Im Gegenteil: Mit seinen superschnellen Augen entgeht ihm fast keine Beute, die er übrigens auf äußerst rabiate Weise erledigt. Mit seinen Fangarmen drischt er so plötzlich auf seine Opfer ein, dass sie schon von den dabei entstehenden Gasbläschen betäubt werden – noch bevor sie dann die tödlichen Schläge des Krebses treffen.
Foto: Getty ImagesGeoff Spiby

Zugegeben, so eine Aussage ist schnell getroffen und gehört quasi zum guten Ton eines jeden Arbeitgebers. Aber bei Brückner steckt mehr dahinter, abzulesen etwa an der geringen Fluktuationsrate der Belegschaft. „Viele unserer Mitarbeiter arbeiten schon zehn, 20 oder sogar 30 Jahre für uns", sagt Huber. „Das ist im Wettbewerbsumfeld ein großer strategischer Vorteil für uns, denn eben diese Mitarbeiter begleiten auch unsere Kunden im Laufe der Jahre durch viele ganz unterschiedliche Projekte. Da entsteht ein Vertrauen wie in einer guten Ehe. Das schweißt extrem zusammen."

Vertrauen und Konstanz in der Kundenbeziehung, genau das ist es, worauf Hidden-Champions-Experte Simon gerne hinweist, wenn er neben der Innovationsstärke dieser Unternehmen deren vorbildliches Personalmanagement rühmt. „Die Fluktuation liegt weit unter dem Mittelwert deutscher Unternehmen. Und auch der Krankenstand ist sehr niedrig", sagt er. Ein Phänomen, das sich im Übrigen bis in die Führungsspitze fortsetzt.

Während es die Vorstandsvorsitzenden der DAX-30-Unternehmen nach Berechnungen der Personalberatung Kienbaum Consultants im Schnitt nur sechs Jahre auf dem Chefsessel hält, prägen Unternehmer aus dem Mittelstand ihre Firmen oft über Jahrzehnte. Unbeirrt von kurzlebigen Managementtrends und häufig ausgezeichnet durch eine hohe Identität von Person und Mission, gehen sie ihren Geschäften nach. Mit Mut, Ausdauer und der Fähigkeit, andere zu überzeugen. Darunter Persönlichkeiten wie Willy Bogner, Claus Hipp oder auch Thomas Kaeser, der Vorstandsvorsitzende des gleichnamigen Kompressoren- und Druckluftspezialisten aus Coburg.

Toxotes jaculatrix:
Der Schützenfisch erlegt seine Beute mit einer wahrhaft spektakulären Jagdmethode. Er nutzt seine Maulöffnung wie ein verstellbares Ventil und schießt seine Beute – Insekten und sogar kleine Eidechsen, die auf Halmen in Ufernähe sitzen – mit einem Wasserstrahl einfach ab. Absolut treffsicher und aus bis zu zwei Meter Entfernung. Ein Ass, ein Champion.
Foto: Photoshot/VISUM

Kaeser ist gerade 26 Jahre alt, als er 1979 in das elterliche Unternehmen einsteigt. Heute führt er gemeinsam mit seiner Frau die Geschäfte. Und zwar so erfolgreich, dass mittlerweile mehr als 5.500 Mitarbeiter weltweit für ihn tätig sind, davon gut 2.000 am Firmenstammsitz in Oberfranken.

Obwohl schon 1919 von Kaesers Großvater als Maschinenbauwerkstatt gegründet, wirkt das Unternehmen alles andere als angestaubt. „Wir haben Industrie 4.0 hier schon praktiziert, als es sie noch gar nicht gab", sagt Firmenchef Kaeser. Und das sieht man auch: In den Produktionshallen erledigen heute fahrerlose Transportsysteme ihren Job. Die Laufkatzen bewegen die Produkte vom Wareneingang ins Hochregallager und dann an die Kommissionierungsstationen zum Versand. Alles vollautomatisiert, gesteuert von einem SAP-System und nur überwacht von den Mitarbeitern im Leitstand über der Produktionshalle. Eine Smart Factory, made by Mittelstand.

Auch in Sachen Wartung setzt Kaeser konsequent auf Digitalisierung. Eine im eigenen Haus entwickelte Steuerungseinheit vernetzt jeden ausgelieferten Kompressor auf Kundenwunsch mit der Coburger Zentrale. In dem rund um die Uhr besetzten Kontrollraum laufen alle Daten in Echtzeit zusammen. Läuft eine Maschine nicht rund? Verbraucht sie zu viel Strom? Deutet sich irgendwo eine andere Fehlfunktion an? So können die Techniker in Coburg eingreifen, noch bevor der Ernstfall beim Kunden überhaupt eintritt, und für Ersatz oder Reparatur sorgen. Von „Predictive maintenance" sprechen die Experten in diesem Zusammenhang. Auf gut Oberfränkisch würde man anerkennend bescheiden vielleicht einfach nur „Sabberlodd" sagen – nicht schlecht.

So beweisen alle drei Unternehmen – Mekra Lang aus Ergersheim, Brückner aus Siegsdorf und Kaeser aus Coburg, dass sich der Weltmarkt auch von der deutschen Provinz aus erobern lässt. Nur mit einem strategischen Nachteil haben die Hidden Champions manchmal zu kämpfen. „Ihre oft nur geringe Bekanntheit erweist sich im Arbeitsmarkt häufig als Nachteil", sagt Wirtschaftsprofessor Simon. „Die Talente von morgen stellen sich gerne bei Adidas oder Porsche vor. Dabei wäre eine Bewerbung bei den Hidden Champions in der Provinz für sie mindestens genauso sinnvoll – zumindest wenn sie ganz vorne mitspielen wollen."

Foto oberer Bildrand (Ausschnitt): Getty Images/Bruno D´Amicis/naturepl.com