Der Millionärsmacher 

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Der Millionärsmacher

Er ist der Herr der Lottozahlen und der Millionärsmacher im Freistaat: Erwin Horak, seit 18 Jahren Chef der Staatlichen Lotterieverwaltung in Bayern. Hier spricht er darüber, ob plötzlicher Reichtum die Menschen verändert – und warum Bayern auch in Sachen Glücksspiel ein Rechtsstaat bleiben muss
von Olaf Butterbrod

Sagen Sie mal, Herr Horak ... macht Geld glücklich?

Bedingt. Geld erleichtert vieles, aber Geld allein macht nicht glücklich. Es muss noch einiges hinzukommen, damit Menschen glücklich sind.

Zum Beispiel?

Das private Glück. Also etwa Familie und Kinder. Und natürlich Gesundheit.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie glücklich sind Sie persönlich?

Neun.

Das ist ziemlich viel. Was macht Glück für Sie aus?

Dass ich Menschen in meinem Beruf glücklich machen kann. Meine private Glücksformel setzt sich aus einer guten, erfüllten Beziehung und wenig Arztbesuchen zusammen. Sie sehen: Geld ist das eine, Glück das andere.

Sie lernen regelmäßig neue Lotto-Millionäre kennen. Wie reagieren die Menschen, wenn sie den Jackpot geknackt haben?

Ein Gewinner rief einmal an, sagte „Ich bin’s!" – und meldete sich dann erst einmal sechs Wochen nicht mehr bei uns. Er musste seinen Gewinn offenbar erst einmal verarbeiten. Vor Kurzem war ein Ehepaar mittleren Alters bei uns. Die beiden hatten gerade sehr viel Geld gewonnen. Als ich sie fragte, was sie mit dem Gewinn unternehmen wollten, meinte der Mann jovial: „Ein paar Autos sind ganz sicher drin." Da legte ihm seine Frau die Hand beschwichtigend aufs Knie und sagte ganz sanft: „Mal schauen…". Um diese Menschen muss sich niemand Sorgen machen.

Andersherum gefragt: Gibt es auch Lottogewinner, die der plötzliche Reichtum ins Unglück stürzt?

Ganz ehrlich: Das kenne ich nur aus der überregionalen Presse. Wir in Bayern hatten so einen Fall noch nicht. Zumindest ist uns kein Fall bekannt geworden, aber wir begleiten die Menschen ja nicht ihr ganzes Leben lang. Wenn ein Gewinner zu uns kommt, führen wir ein aufklärendes Gespräch und geben ihm einige Ratschläge zum allgemeinen Umgang mit Geld.

Und wozu raten Sie?

Das bisherige Leben erst einmal so weiterzuführen wie bisher. Keine Schnellschüsse wagen und nicht am nächsten Tag den Job kündigen. Gewinnern aus ländlichen Gegenden oder Kleinstädten legen wir zudem nahe, aus Gründen der Anonymität das Geld lieber auf ein Konto in der nächstgelegenen Großstadt einzuzahlen. Und sich im Laufe der Zeit dann Stück für Stück seine Wünsche zu erfüllen: also etwa die Wohnung kündigen und ein Haus kaufen. Und dabei dann auch gleich den alten Passat gegen den neuen Mercedes tauschen.

Also ist es nur ein Klischee, dass Menschen mit plötzlichem Reichtum überfordert sind?

Aus meiner Sicht: ja. Ich habe das noch nicht erlebt.

Eurojackpot, Internetwetten, internationale Wettanbieter: Wie sehr hat sich das gute alte Lotto verändert?

Sehr. Und leider nicht ausschließlich zum Positiven. Der Markt wird immer unüberschaubarer. Das Schlimmste jedoch ist: Die Behörden unternehmen nichts Merkbares, um die illegalen Angebote aus dem Ausland zu begrenzen. Das macht uns das Leben schwer.

Welche illegale Angebote meinen Sie?

Wir reden hier von Unternehmen, die aus dem Ausland heraus und nur im Internet agieren. Sie bieten kein Lotto an, sondern Wetten auf unser Lotto. Klar, in dem Land, in dem diese Anbieter sitzen, haben sie Lizenzen gekauft, damit sie ihre Wetten anbieten können. Sie dürfen aber ganz sicher keine Wetten nach Deutschland vermitteln. Wenn überhaupt, zahlen diese Anbieter in ihrem Land nur marginal Steuern. Gleichzeitig sichern sie hohe Gewinne durch Versicherungen ab und können den Jackpot insofern auch immer auszahlen. So haben sie sich das Mäntelchen der Seriosität umgehängt.

Warum greift die Politik nicht durch?

Ich denke, in Zeiten hoher Steuereinnahmen sind die staatlichen Lotteriegesellschaften für die Regierungen nicht mehr ganz so wichtig. Das senkt ganz offenkundig den Druck auf die Finanz- und Innenbehörden der Länder, wirksam gegen kriminelle Wettanbieter vorzugehen.

Was bedeutet das für die staatliche Lotteriegesellschaft in Bayern?

Wir haben zu kämpfen. 2015 konnten wir zwar wieder ein leichtes Plus erzielen. Aber dafür müssen wir auch einen enormen Aufwand betreiben. Besonders prekär ist der Bereich der Sportwetten. Dort gibt es nur einen Anbieter, der eine gesamtdeutsche Konzession hat, das ist Oddset, die Sportwette von Lotto. Oddset hat, so schätze ich, nur einen Marktanteil von rund vier Prozent. Denn während Oddset nicht im Internet gespielt werden darf und vor Ort in den Annahmestellen auch nur gegen Vorlage eines speziellen Ausweises, können andere Anbieter machen, was sie wollen. Da wir zudem Abgaben an die Länder leisten müssen, sind unsere Quoten niedriger und damit unattraktiver.

Ganz ehrlich: Da frage ich mich, wo der Rechtsstaat bei uns bleibt. Das hätte ich vor zwei, drei Jahren nicht gedacht, dass es das bei uns in Deutschland geben kann. Das muss sich ändern.

Sind Ihre Kunden tendenziell älter, weil sie ihre Sportwetten nicht im Internet spielen dürfen?

Sie sind vor allem treu. Und sie wissen die Seriosität unseres Angebots zu schätzen. Schließlich bieten wir keine verrückten Wetten an, etwa „Wer erzielt beim Fußball das erste Tor mit der Hand?" und dergleichen. Das sind manipulationsgefährdete Angebote, mit denen wir von Oddset nichts zu tun haben wollen.

Stirbt die klassische Lotto-Toto-Annahmestelle langsam aus?

Nein, ganz sicher nicht. Die rund 3.700 Annahmestellen erfüllen eine ganz wichtige Funktion. Dort werden ja nicht nur Zeitschriften und Zigaretten verkauft. Die Shops sind auch ein wichtiger Kommunikationspunkt im Ort. Deshalb werden sie von uns auch mit einer Provision bedacht, die im Vergleich zu den Lotteriegesellschaften in anderen Bundesländern Spitze ist.

Planen Sie neue Wettformen in Bayern?

Wir werden im Frühjahr einige Produkte verändern und die Gewinnchancen wie auch die Gewinnerlebnisse erhöhen. Wir planen zum Beispiel eine Nachbarschaftslotterie, die auf der angegebenen Heimatadresse beruht. Die Idee dabei: Wird man als Hauptgewinner gezogen, gewinnen automatisch auch die Mitspieler in der näheren Umgebung. Der Sieger gewinnt 100.000 Euro, also in überschaubarer Höhe, aber um ihn herum gewinnen noch mal tausend Personen.

Wir überlegen, ob es darüber hinaus noch einen größeren Geldbetrag für eine soziale Einrichtung im Bereich des Gewinners geben wird. Das wird allerdings schwierig. Insgesamt ist diese Lotterie genau das, was sich die Kunden momentan wünschen.

Und im digitalen Bereich? Welche Veränderungen sind dort geplant?

Im Internet sind uns enge Grenzen gesetzt. Ich sage immer, wir bieten eine Art „Internet zu Fuß" an, und zwar deshalb, weil wir es nur so anbieten dürfen. Es hat Monate gedauert, bis wir endlich eine Regelung bekommen haben, wie sie in anderen Bundesländern seit Langem erlaubt ist. Aber marktgerecht ist das noch lange nicht.

Im Juli übergeben Sie nach über 18 Jahren Ihr Amt an Ihre Nachfolgerin Friederike Sturm und gehen in den Ruhestand. Wie lautet Ihre Glücksvision vom Leben nach dem Lotto?

Viel Italien, viel Radfahren, viel Sport. Und etwas für die Gesundheit tun.

Spielen Sie eigentlich selber Lotto?

Natürlich. Immer die gleichen Zahlen.

Und, schon mal richtig viel kassiert?

Nein, nie besonders viel. Und das wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern. Denn ich tippe stets meine Geburtsdaten. Da gibt es erfahrungsgemäß nie das ganz große Geld zu gewinnen. Dazu haben einfach viel zu viele Menschen im gleichen Jahrhundert Geburtstag.

Vielen Dank für dieses Gespräch.