Brexit: Europas Schicksalstag? 

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Brexit: Europas Schicksalstag?

Gemeinsam mit Vertretern vom „Project for Democratic Union“ diskutierte der BayernLB Research vor geladenen Kunden die möglichen Konsequenzen eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU für Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte. Eines hatten alle Einschätzungen und Prognosen für den Brexit-Fall gemeinsam: Sie waren düster.
von Olaf Butterbrod

Dr. Alexander Kalb, BayernLB

„Unterschätztes Risiko", „erhebliche Gefahr", „Zukunft der EU fraglich", „Rezession", „steigende Risikoprämien", „Kapitalabflüsse"... Referenten und Diskutanten auf der Brexit-Informationsveranstaltung des BayernLB Research waren sich einig: Ein EU-Austritt Großbritanniens ist brandgefährlich – für die Briten, aber ebenso für die EU und die Währungsunion.

Dr. Alexander Kalb, Senior Economist der BayernLB, erwartet beim Referendum am 23. Juni ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zwar sähen aktuelle Umfragen das Pro-EU-Lager leicht vorne. Diese Mehrheit sei aber sehr fragil, so Kalb, zumal mehrere Faktoren der Leave-Fraktion in die Karten spielen könnten. Allgemein stellt der Länderrisiko- und Branchenanalysenexperte der BayernLB mit Sorge fest, dass der Markt die Folgen eines Brexits unterschätze.

Daniel Schade, „Project for Democratic Union“ (PDU)

Das „Project for Democratic Union" (PDU) befürwortet eine vollständige politische Integration der Eurozone und plädiert für die politische Vereinigung der Mitgliedsstaaten auf anglo-amerikanischer Verfassungsgrundlage. Daniel Schade ist Leiter des PDU-Büros in London. Er erläuterte, dass das Referendum einst von Premier (und heutigem EU-Befürworter) David Cameron aus innerparteilichen Kalkül ausgerufen wurde und berichtete von der derzeitigen Stimmung in Großbritannien. Dort entferne sich der öffentliche Diskurs immer mehr von den Fakten, wovon die Leave-Seite profitiere. Organisatorische oder politische Strategien für den Fall eines Brexits vermisst Schade sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der EU.

Dr. Wolfgang P. Warth, PDU

Schades PDU-Kollege Dr. Wolfgang P. Warth betrachtete das Referendum und den Brexit zunächst von der soziologischen Warte. Eine große EU bedeute weniger Homogenität und erfordere mehr Kompromisse, böte ihren Mitgliedern aber mehr Sicherheit und Stabilität als ein kleinerer Verbund. Mit Blick auf die Geschichte der EU sieht Warth nach dem Irak-Krieg 2003, der Finanzkrise 2008 und der Energiekrise 2011 nun die nächste Bewährungsprobe für die Europäische Union: Diesmal seien es die Schuldenkrise und das Thema der Zuwanderung, die das Projekt in Frage stellten. Der Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler umriss mehrere Brexit-Folgeszenarien: ein quasi-sozialistisches Modell, ein ordoliberales Konzept der Sozialen Marktwirtschaft sowie – für den Fall des Verbleibs des UK in der EU – ein liberales Konzept der freien Marktwirtschaft.

Manuel Andersch, BayernLB

Manuel Andersch arbeitet als Economist und Devisen-Analyst im Research-Team der BayernLB und verantwortet u.a. die makroökonomische Analyse für Großbritannien. Für den Brexit-Fall prognostiziert BayernLB Research massive wirtschaftliche Folgen: Rezession im Vereinigten Königreich, Ansteckungseffekte in der EU, hier wie dort deutliche Investitionszurückhaltung. Politisch würde das Infragestellen einer gemeinsamen Zukunft des Euro-Raumes die Risikoprämien treiben, so Andersch, der Dimensionen wie in der Schuldenkrise 2011/2012 für möglich hält. Schließlich analysierte der Volkswirt die Brexit-Auswirkungen nach Asset-Klassen und auf den Immobilienmarkt in UK. So sehen die BayernLB Researcher für das Exit-Szenario bei den Staatsanleihen die Gilts unter Druck und prognostiziert eine Belastung der weltweiten Aktienkurse sowie verheerende Folgen für Pfund und Euro. Die Immobilienpreise dürften spürbar unter Druck kommen, so Andersch, zudem erwartet er für den Fall des Brexit kurzfristig einen Konjunktureinbruch mit zeitgleichen BoE-Zinserhöhungen. Längerfristig wirke die Aussicht auf geringere Netto-Zuwanderung zunehmend preisdämpfend. Betroffen wäre vor allem der Londoner Markt. Der Finanzstandort London könne in Frage gestellt werden und würde für ausländische Investoren zunehmend unattraktiv werden.

Warnung vor den Folgen eines Brexit dominierten auch die anschließende Podiumsdiskussion mit Dr. Jürgen Michels (Chefvolkswirt und Leiter Research der BayernLB), Christoph Weaver (General Manager BayernLB London), Daniel Schade und Wolfgang Warth. In London seien 250 ausländische Banken ansässig, das würde sich auch beim Brexit nicht vom einen auf den anderen Tag ändern, sagte Weaver zwar. Doch auch der General Manager der BayernLB warnt vor den Folgen eines Brexit: Ein Austritt aus der EU schade der Wirtschaft, koste Jobs und treibe die Preise hoch. Jürgen Michels sieht nur ein einziges „Best-Case-Szenario": einen glasklaren Sieg der EU-Befürworter, der für ein wenig Ruhe sorgte. Der schlimmstmögliche Fall wäre auch für den Chefvolkswirt der BayernLB der Austritt der Briten aus der EU. Käme der Jahre in Anspruch nehmende Austrittsprozess tatsächlich in Gang, warnt Michels nicht nur vor den ökonomischen Folgen. Das eh schon auf dünnem Eis befindliche Konstrukt der Europäischen Union würde durch den „Präzedenzfall Großbritannien" noch verletzlicher, so Michels, zudem heize so eine Entscheidung populistische Strömungen in Europa weiter an. 

Podiumsdiskussion mit Christoph Weaver (General Manager BayernLB London), Dr. Jürgen Michels (Chefvolkswirt und Leiter Research der BayernLB), Daniel Schade und Wolfgang Warth (von links nach rechts).