Ausgabe 04/2016 

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Märkte & Finanzen

Ausgabe 04/2016

Mit gutem Gewissen

Moral bei der Geldanlage muss man sich leisten können, so das gängige Vorurteil. Doch stimmt das auch heute noch? Neue Studien belegen, dass grüne Investments auch wirtschaftlich großen Sinn machen
von Bernd Grebler

Wenn der Finanzausschuss des norwegischen Parlaments tagt, ist das für den Rest der Welt normalerweise eine eher langweilige Angelegenheit. Anders vergangenes Frühjahr, als nach der Ausschusssitzung die Aktienkurse vieler Energieversorger in aller Welt prompt auf Talfahrt gingen.

Auslöser war eine neue Vorgabe für den norwegischen Staatsfonds, mit einem Volumen von 850 Milliarden Euro nach dem japanischen Pensionsfonds der zweitgrößte der Welt. Sein Geld darf seither nicht mehr in Unternehmen fließen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erwirtschaften. Die betroffenen Aktionäre bekamen so sehr schnell und schmerzhaft zu spüren, dass das Thema Nachhaltigkeit nun auch in der Finanzwelt angekommen ist.

Es sind heute längst nicht mehr nur Kirchen und Ökoromantiker, die ihr Vermögen nach ethischen, sozialen und umweltgerechten Standards anlegen. Auch Versorgungswerke, Versicherer, Unternehmer und Privatleute haben die Zeichen der Zeit erkannt. Weltweit wird nach Angaben der Global Sustainable Investment Alliance mittlerweile fast jeder dritte Euro unter Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien angelegt, in Europa sogar knapp 60 Prozent. Das sagt zwar noch nichts darüber aus, wie streng die Maßstäbe an die Nachhaltigkeit der jeweiligen Anlage gebunden sind, beweist aber sehr eindringlich, dass die Sensibilität der Anleger stark zugenommen hat.

Den Investoren geht es dabei nicht allein darum, die Welt zu verbessern oder ihr Image aufzupolieren. Es geht ihnen auch ganz schlicht darum, ihr Geld möglichst profitabel anzulegen. Das Kalkül: Unternehmen, die besonders effizient mit Rohstoffen und Energie umgehen, ihre Mitarbeiter und Zulieferer fair behandeln und ihre Produkte an den steigenden Umweltanforderungen ihrer Kunden ausrichten, haben beste Chancen, auch morgen noch gute Geschäftszahlen zu präsentieren.

Nicht einmal jede zehnte Studie sieht nachhaltige Wertpapiere im Nachteil

Was sich schlüssig anhört, ist seit kurzem auch wissenschaftlich belegt. Wissenschaftler der Uni Hamburg haben in einem groß angelegten Forschungsprojekt mehr als 2.200 Studien zu der Frage ausgewertet, ob sich Wertpapiere nachhaltig wirtschaftender Unternehmer besser oder schlechter entwickeln als die ihrer nicht nachhaltigen Konkurrenten. Das Fazit der Autoren: „Nicht einmal jede zehnte Studie sieht die nachhaltigen Wertpapiere im Nachteil. Alle anderen Studien ermitteln einen neutralen, in der Mehrheit sogar positiven Einfluss von Nachhaltigkeitskriterien auf den Anlageerfolg."

Illustration: Viktoria Marie Schiffler

Natürlich ist ein grünes Investment noch keine Garantie für eine gute Performance. „Auch hier gelten die normalen Gesetzmäßigkeiten der Geldanlage", sagt Rolf Häßler, Leiter des Instituts für nachhaltige Kapitalanlagen. „Wer sich von verlockenden Renditeversprechen beeindrucken lässt, geht wie bei anderen Anlagen ein hohes Risiko." So geschehen etwa beim Windparkbetreiber Prokon, der 2014 Insolvenz anmelden musste. 75.000 Anleger verloren damals gut 40 Prozent ihres Kapitals.

Um solche Ausfälle zu vermeiden, empfiehlt Nachhaltigkeitsexperte Häßler, bei der Auswahl des Portfolios sorgfältig vorzugehen. „Vergleichen lohnt sich. Wie in vielen anderen Lebensbereichen gibt es auch hier über- und unterdurchschnittlich Erfolgreiche." So vielfältig sind die Angebote mittlerweile, dass es nicht einfach ist, den Marktüberblick zu behalten. Der Blick eines Beraters von außen ist deshalb hilfreich. Denn nicht alles, was unter dem Deckmäntelchen der Nachhaltigkeit daherkommt, ist auch wirklich nachhaltig oder passt zum jeweiligen Anleger.

Eine feste Definition für Nachhaltigkeit gibt es ohnehin nicht, nur eine grobe Einteilung in die sogenannten ESG-Kriterien: Environment, Social und Governance, also Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. Rolf Häßler hält das sogar für „eine der größten Stärken des Nachhaltigkeitsansatzes". Denn was nachhaltig ist, liege in erster Linie im Auge des Betrachters.

So stehen in Frankreich soziale Kriterien wie Arbeitnehmerrechte besonders im Fokus, wohingegen in Deutschland Umweltthemen erhöhte Aufmerksamkeit genießen. Durch den offenen Nachhaltigkeitsbegriff kann sich jeder Anleger also das zu seinen eigenen Werten passende Unternehmen aussuchen. Das Prinzip funktioniert in der Praxis gut, soweit klar und offen kommuniziert wird. Oder wie Häßler es ausdrückt: „Transparenz rechtfertigt die Vielfältigkeit."

Die Rendite durch die Integration nachhaltiger Faktoren positiv beeinflussen

Für Großanleger sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt, da sie sich von einem Asset-Manager einen für sie maßgeschneiderten Spezial-Fonds entwerfen lassen können. „Wir bekommen immer mehr solcher Anfragen", sagt Heinrich Oberkandler, Nachhaltigkeitsmanager bei der BayernInvest, dem Kompetenzzentrum für institutionelles Asset-Management im BayernLB-Konzern. „Wenn der Anleger sich schon Gedanken gemacht hat, was ihm wichtig ist, können wir für ihn einen individuell gestalteten Fonds ganz schnell aufsetzen, in einfachen Fällen sogar innerhalb eines Monats."

Einer der Kunden der BayernInvest ist die Bayerische Landesstiftung, die Bauvorhaben aus dem sozialen und kulturellen Bereich unterstützt. Stiftungsvorstand Josef Miller, als ehemaliger bayerischer Forstminister ein Nachhaltigkeitskenner der ersten Stunde, zieht ein durchweg positives Fazit: „Wir sehen uns in unserer nachhaltigen Anlagephilosophie bestätigt und können bisher keine negativen Auswirkungen erkennen." Ganz im Gegenteil: Angesichts der niedrigen Zinsen, so Miller, sei es wichtig, „die Rendite durch die Integration nachhaltiger Faktoren positiv zu beeinflussen".

Bei der Auswahl passender Wertpapiere sind Nachhaltigkeitsratings für Anleger und Asset-Manager eine wichtige Entscheidungshilfe. Die großen in dem Bereich tätigen Ratingagenturen heißen oekom research, Vigeo Eiris, Sustainalytics und MSCI ESG. Ähnlich wie Moody’s oder Fitch geben sie einen Überblick, wie es um ein Unternehmen oder ein Land bestellt ist, nur eben nicht in rein finanzieller Hinsicht, sondern auch mit Blick auf nachhaltiges Wirtschaften. Besonders erfreulich dabei: Einige Agenturen stellen sehr transparent dar, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen, inklusive der Gewichtung einzelner Kriterien. Unternehmen können diese externe Expertise – teilweise sogar kostenlos – nutzen, um ihre Stärken und Schwächen zu analysieren oder Nachhaltigkeitstrends frühzeitig aufzuspüren.

Nachhaltigkeitstrends im Auge behalten

Trendbeobachtung ist dringend geboten, da die großen Themen immer schneller und schlagkräftiger daherkommen. Jüngstes Beispiel ist die Divestment-Bewegung, die den Abzug von Investitionen in fossile Energien fordert und schon mehr als 500 institutionelle Anleger und 2.000 Privatleute aus über 40 Ländern auf ihrer Seite hat – von der Investmentlegende Warren Buffett über den Hollywood-Schauspieler Leonardo DiCaprio bis hin zu Städten wie Berlin und Kopenhagen.

„So schnell wie diese Bewegung ist keine andere zuvor gewachsen", sagt der britische Umweltökonom Ben Caldecott. Weil die Kampagne immer mehr Unterstützer wie Stiftungen und Pensionswerke mit reichlich Kapital erhält, hat sich das von ihnen verwaltete Vermögen nach einer Analyse der Beratungsgesellschaft Arabella Advisors 2015 innerhalb nur eines Jahres um den Faktor 50 auf rund 2,3 Billionen Euro erhöht. Damit, sagt Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, ist die Divestment-Bewegung „eine der ganz großen des 21. Jahrhunderts".

Auch früher schon gab es solche Kampagnen, etwa gegenüber der amerikanischen Tabakindustrie oder dem südafrikanischen Apartheid-Regime. Aber die Nichtregierungsorganisationen und Aktivisten treten heute sehr viel professioneller auf, nutzen die Möglichkeiten modernen Marketings und der sozialen Netzwerke. So gehören zu den Kohleaussteigern neben dem norwegischen Pensionsfonds heute auch viele politisch unabhängige Investoren wie der französische Versicherungskonzern Axa oder seit Ende vorigen Jahres die Allianz.

Der Ansatz der Kampagne ist allerdings nicht ganz unumstritten. Denn wer seine Anteile an einem Unternehmen verkauft, kann auch keinen Einfluss mehr auf dessen Geschäftspolitik nehmen. „Alternativ besteht die Möglichkeit, dass der Investor den Dialog mit den Unternehmen sucht und seine Verantwortung auf diese Weise übernimmt", sagt BayernInvest-Experte Oberkandler. „Verantwortungsvolle Asset-Manager gehen heute aktiv auf die Unternehmen zu und üben ihre Stimmrechte nach dem Nachhaltigkeitsverständnis ihrer Anleger aus."

Die Nachhaltigkeitswelle bei der Unternehmensfinanzierung nutzen

Einfacher wird das Geschäft für die Unternehmen dadurch nicht. Aber wer das Thema richtig angeht, kann die Nachhaltigkeitswelle auch zu seinem Vorteil nutzen. Etwa durch die Ausgabe von grünen Anleihen, sogenannten Green Bonds, oder die Emission grüner Schuldscheine, die frisches Kapital in die Kasse spülen. „Diese grünen Wertpapiere werden in erster Linie genutzt, um Umwelt- und Klimaschutzprojekte zu finanzieren, beispielsweise Windkraft- und Solaranlagen oder energetische Gebäudesanierung", erklärt BayernLB-Direktor Paul Kuhn, der Unternehmen bei der Gestaltung und Marktplatzierung solcher Wertpapiere begleitet.

Einer von Kuhns Kunden ist der Windanlagenbauer Nordex, der dieses Jahr das weltweit erste grüne Schuldscheindarlehen auf den Markt gebracht hat. „Die Nachfrage der Anleger war so groß, dass das geplante Volumen mehr als verdoppelt werden konnte", sagt Kuhn. Heiß begehrt war auch die erste grüne Anleihe der BayernLB-Tochter DKB zur Refinanzierung von Darlehen aus dem Wind- und Solarbereich. Eine Anleihe, die bei der Ausgabe Mitte des Jahres beinahe dreifach überzeichnet war.

Um die hohe Akzeptanz bei Investoren zu erhalten, kommt es vor allem auf Glaubwürdigkeit an. Deshalb haben sich Banken, Investoren, Umweltorganisationen und Emittenten zusammengesetzt und Standards für grüne Anleihen erarbeitet – die Green Bond Principles. Sie legen Eckpunkte für die Verwendung und Verwaltung der Emissionserlöse fest und regeln die Berichterstattung über die finanzierten Projekte. Auch für Social Bonds zur Finanzierung von Schul-, Wohnungs- oder Krankenhausprojekten gibt es seit Juni vergleichbare Standards. Einen weiteren Glaubwürdigkeitsschub bekommen Nachhaltigkeitsanleihen, wenn ein unabhängiger Dritter, oftmals eine der Nachhaltigkeits-Ratingagenturen, die Einhaltung der Standards attestiert und die korrekte Auswahl der finanzierten Projekte bestätigt. Solche Gutachten, im Fachjargon Second Party Opinion genannt, wurden vergangenes Jahr bereits für mehr als die Hälfte aller grünen Anleihen angefertigt.

Dass die Divestment-Kampagne momentan für derart große Furore sorgt, hat natürlich auch viel damit zu tun, dass bei der Pariser Weltklimakonferenz im vergangenen Jahr das Ziel vereinbart wurde, den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Ein äußerst ehrgeiziges Ziel. Nach Berechnungen der Umweltorganisation Carbon Tracker dürfte demnach nicht mal mehr ein Fünftel der weltweit vorhandenen fossilen Brennstoffe verbrannt werden. Der Rest wäre wertlos, weshalb Beobachter schon von einer „Carbon Bubble" reden.

Ob es wirklich so weit kommt, ist ungewiss, aber das Beispiel zeigt, wie stark sich politische Entscheidungen und Nachhaltigkeitstrends auf das Risiko von Geldanlagen auswirken können. Investoren sind deshalb gut beraten, die Augen offen zu halten. Wer sein Portfolio frühzeitig absichert, kann auf jeden Fall ruhig schlafen, wenn der norwegische Finanzausschuss das nächste Mal tagt.

 

Illustration oberer Bildrand (Ausschnitt): Viktoria Marie Schiffler