Ausgabe 01/2017 

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Märkte & Finanzen

Ausgabe 01/2017

Sharing Economy

Warum selbst etwas kaufen, wenn man es teilen kann? Was früher nur im Familien- und Freundeskreis üblich war, ist dank Internet und Smartphones heute auch unter Fremden völlig normal. Aber ist die Sharing Economy wirklich gerecht?
von Bernd Grebler

Ein Jahr lang reiste der italienische Fotograf Gabriele Galimberti um die Welt, durch insgesamt 68 Länder. Als er 2013 wieder nach Hause zurückkehrte, war er trotzdem kein armer Mann. Die Gesamtrechnung für seine Übernachtungen belief sich am Ende – auf unglaubliche null Euro.

Zu verdanken hat das Galimberti einem Internet-Portal namens Couchsurfing. Eine Vermittlerbörse, auf der die Teilnehmer schon seit mehr als zehn Jahren kostenlose Übernachtungen in ihrem Zuhause anbieten und bei den anderen Nutzern dafür ebenfalls zum Nulltarif unterkommen.

Couchsurfing ist damit einer der Vorboten einer wirtschaftlichen Revolution, die unter dem Stichwort „Sharing Economy" mittlerweile vieles Althergebrachte auf den Kopf gestellt hat und etablierte Anbieter das Fürchten lehrt. Taxiunternehmen braucht es nicht mehr. Es gibt ja Uber. Und Hotels? Ebenfalls verzichtbar, weil sich ein Zimmer für die Nacht ebenso gut über Airbnb buchen lässt.

Das alles schont den Geldbeutel, aber auch die Umwelt. Und kommt als ressourcenschonendes Konzept heute vor allem bei jungen Menschen gut an. Vier von fünf der unter 30-Jährigen nutzen laut einer Umfrage der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers bereits die digitalen Angebote des Teilens, in der Gesamtbevölkerung sind es 46 Prozent.

Ganz neu ist die Idee des Teilens zwar nicht, aber niemals zuvor ließ sie sich so leicht praktizieren. Dank Internet und Smartphone-Apps mit intelligenten Suchfunktionen ist das passende Angebot schnell gefunden und gebucht, egal wann, egal wo. Dass man einem Fremden die Schlüssel zu seiner Wohnung überlässt, ist für die Nutzer kein Problem. Man kennt sich ja – zumindest virtuell – und kann auf den Bewertungsprofilen einschätzen, wie sorgsam ein Gast mit den eigenen Möbeln umgeht.

Virtueller Marktplatz: Auf Online-Plattformen wird alles gehandelt, was teilbar ist. Wohnraum, Autos und auch Parkplätze.
Illustration: George Butler

Immer mehr Menschen nutzen deshalb die Möglichkeiten, die ihnen die Sharing Economy bietet. Airbnb hat nach eigenen Angaben schon 60 Millionen Menschen eine Übernachtung vermittelt. Die Taxi-Alternative Uber zählt heute mehr als acht Millionen Kunden. Und selbst eine weniger bekannte Adresse wie etwa die Plattform Kleiderkreisel, auf der die Teilnehmer Secondhand-Kleidung handeln, tauschen und verschenken, kommt auf stolze zwölf Millionen Mitglieder, die Mitfahrzentrale BlaBlaCar sogar auf sagenhafte 35 Millionen.

Alles Zahlen, die auch auf Investorenseite überzeugen. Laut dem Branchendienst VB Profiles haben Risikokapitalgeber in immer neuen Finanzierungsrunden bereits gut 49 Milliarden US-Dollar in die Sharing Economy investiert, mehr als doppelt so viel wie in den gesamten Social-Media-Bereich. Allein Uber kommt als wertvollstes nicht börsennotiertes Start-up heute auf eine Unternehmensbewertung von 62,5 Milliarden Dollar, Airbnb wurde zuletzt auf 30 Milliarden Dollar geschätzt.

Ganz unbegründet ist die Investorenrally nicht, wird der Branche doch eine große Zukunft prophezeit. Die Experten von PricewaterhouseCoopers glauben, dass der Umsatz der Sharing Economy in den Bereichen Tourismus, Carsharing, Dienstleistungen sowie Musik- und Videostreaming weltweit von 15 Milliarden Dollar im Jahr 2015 binnen zehn Jahren auf 335 Milliarden Dollar steigen wird.

Also alles in Butter? Endlich mal eine Wirtschaftsform, die allen nutzt und keinem schadet? Günstig, sozial und ökologisch einwandfrei? Gern pflegen die großen Plattformbetreiber dieses hippe Image, aber wer hinter die Kulissen schaut, entdeckt auch eine ganz andere Welt. „Sankt Martin hat wirklich geteilt, und er hat seinen Mantel auch nicht stundenweise vermietet, als er ihn gerade mal nicht brauchte", sagt Luise Tremel von der Stiftung Zukunftsfähigkeit. Und steht mit ihrer Kritik keineswegs allein: Die Geschäftsmodelle der Sharing Economy gelten so manchen Beobachtern als knallhart kalkuliert, mitunter sogar skrupellos.

Vor allem die Taxi-Alternative Uber sorgt immer wieder für negative Schlagzeilen. 2015 sprach das Landgericht Frankfurt deshalb ein deutschlandweites Verbot von UberPop, der Sparte für Privatfahrer, aus. Die Begründung: Uber stifte die Fahrer zum Rechtsbruch an, weil ihnen die Lizenz für gewerbliche Personenbeförderung fehlt. Seitdem vermittelt das Unternehmen nur noch Prof-Fahrer (UberX) in München und Berlin.

Und auch mit dem Datenschutz nimmt es das Startup offenbar nicht so genau. Abgeleitet aus dem nächtlichen Fahrverhalten der Nutzer, zeigte Uber auf Karten großer US-Städte kürzlich, wo es besonders viele One-Night-Stands geben soll. Was als bloßer Scherz gedacht war, bestätigte Kritiker darin, wie leichtfertig Uber mit Nutzerdaten umgeht.

Der Blogeintrag ist mittlerweile gelöscht, aber die Vorwürfe keineswegs ausgeräumt, vor allem wegen der Beschäftigungsbedingungen, die das Unternehmen pflegt. Fahrer bezeichnet Uber zwar freundlich als „Partner". Aber besonders partnerschaftlich wirkt es auf die Kritiker nicht, wenn sich das Unternehmen statt der ursprünglich vereinbarten fünf Prozent Provision nun einfach so 20 Prozent genehmigt. Gewerkschaften bleiben außen vor, da die Fahrer nicht angestellt, sondern selbstständig sind.

Das ist nicht nur bei Uber so, sondern auch bei anderen Sharing-Plattformen wie etwa der Putzkräftevermittlung Helpling. „Mindestlohn, Kranken- und Rentenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub und so weiter – für die Sharing Economy alles überflüssige Romantik aus den Zeiten des Sozialstaats", kritisiert Zukunftslobbyist Wolfgang Gründinger. DGB-Chef Reiner Hofmann spricht sogar von „moderner Sklaverei".

Zudem tummeln sich auf den Plattformen viele gewerbliche Anbieter, die für ihr Geschäft keine Steuern zahlen. In den Niederlanden hat Airbnb dafür eine simple Lösung gefunden und tritt die Steuern für seine Vermieter nun direkt an den Staat ab. Ein Modell, mit dem auch die Experten im Bundeswirtschaftsministerium bereits liebäugeln.

Aber alle Probleme sind damit noch längst nicht vom Tisch. Weil es in attraktiven Lagen mittlerweile oft lukrativer ist, eine Wohnung über Airbnb anzubieten, statt sie langfristig zu vermieten, nimmt die Wohnungsnot in Großstädten immer mehr zu. Die Politiker in Berlin haben darauf schon reagiert: Seit vorigem Jahr ist die Vermietung von Ferienwohnungen in der Hauptstadt ohne Genehmigung untersagt. Das Bußgeld beträgt bis zu 100.000 Euro. Nicht unbedingt ein freundliches Aushängeschild für die liberale Startup- City an der Spree. Doch auch andere Städte wie New York und München haben mittlerweile ähnliche Verbote erlassen, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wussten.

Ob sich die Entwicklung dadurch wirklich aufhalten lässt, scheint allerdings mehr als fraglich. Berlin ist mit aktuell über 12.000 Inseraten nach wie vor Deutschlands Airbnb-Hauptstadt Nummer eins. „Statt per legislativem Federstrich die Start-ups aus der Republik zu verjagen, müssen wir die Spielregeln des Sozialstaats fit machen für die digitale Revolution", sagt Zukunftslobbyist Gründinger.

Alles Teilbar: Die Deutschen halten nach einer Umfrage der Bundesverbraucherzentrale vor allem Werkzeuge (25 Prozent), Autos (24 Prozent) und Gartengeräte (19 Prozent) für gut geeignet zum Verleihen.
Illustration: George Butler

So oder so, auch die Sharing-Economy-Plattformen selbst müssen noch beweisen, wie zukunftsfähig sie überhaupt sind. Stolze Mitgliederzahlen sind gut und schön, aber Geschäftsergebnisse nun mal wichtiger. Allein Uber soll 2016 satte zwei Milliarden Dollar Verlust gemacht haben.

Dass das Teilen in der Sharing Economy auch ganz anders funktionieren kann, gewinnträchtig und ohne damit gleich auf harten Konfrontationskurs zu Ämtern, Städten oder Politikern zu gehen, beweist derweil der Carsharing-Anbieter DriveNow. „Wir waren immer darauf bedacht, gesund und mit Augenmaß zu wachsen", sagt Geschäftsführer Sebastian Hofelich. „Deshalb sind wir in Deutschland auch seit über zwei Jahren profitabel."

Das große Versprechen der Sharing Economy, Ressourcen effizienter zu nutzen, haben Anbieter wie DriveNow oder Car2go auf jeden Fall eingelöst. Denn ein Carsharing-Auto ohne feste Station wird nach Berechnungen des Beratungsunternehmens civity heute fast doppelt so lange bewegt wie ein Privatauto – im Schnitt 62 Minuten am Tag statt der bisher üblichen 36 Minuten, die ein Privat-Pkw unterwegs ist. Und noch etwas kommt hinzu: Fast 40 Prozent der Carsharing- Mitglieder verzichten laut einer Umfrage der Stadt München auf den Kauf eines eigenen Autos, zwölf Prozent haben seit ihrer Mitgliedschaft sogar mindestens ein privates Fahrzeug abgeschafft. Das Teilen zeigt also Wirkung. Und könnte in der nächsten Runde sogar eine weitere Revolution anstoßen.

Blockchain heißt die Technologie, die nicht nur das Teilen noch effizienter, sondern zentrale Plattformen wie Airbnb und Uber in Zukunft sogar verzichtbar machen soll. „Es gibt kaum Dienstleistungen, die nicht auch eine blockchainbasierte Anwendung leisten könnte", sagt Sven Korschinowski, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. „Und zwar schneller, transparenter und günstiger."

Noch steht die neue Technologie nicht parat für ihren massenweisen Einsatz, aber die Visionen reichen schon sehr weit. Sind die Alltagsgegenstände im Internet der Dinge erst einmal vollständig miteinander vernetzt, soll die Blockchain alle möglichen Transaktionen ermöglichen: automatisch ausgelöste Zahlungen, sich selbst öffnende Wohnungstüren oder fälschungssichere Bewertungsprofile.

Klar ist, dass künftig noch sehr viel mehr in der Sharing Economy geteilt werden könnte, als es bereits heute der Fall ist. Bis auf ein paar ganz wenige Ausnahmen möglicherweise. Auf die Frage, was man auf keinen Fall teilen würde, sagten in der Umfrage der Bundesverbraucherzentrale immerhin elf Prozent: meinen Mann oder meine Frau.

Wer anderes im Sinn hat, sollte sich vielleicht doch noch einmal die One-Night-Stand-Karten von Uber genauer anschauen.

Illustration (Ausschnitt) oberer Bildrand: George Butler