Ausgabe 01/2017 

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Interview

Ausgabe 01/2017

... leben die Alten auf Kosten der Jungen?

In Deutschland bestimmen die Alten, wo es langgeht. Das behauptet Wolfgang Gründinger, der sich als Zukunftslobbyist für die junge Generation einsetzt. Er fordert Luxuskitas statt Rentenerhöhungen und will verhindern, dass 13 Millionen deutsche Staatsbürger weiter vom Wahlrecht ausgeschlossen werden.
von Bernd Grebler

Mann mit Weitblick: Wolfgang Gründinger und sein Blick auf die deutsche Politik.
Foto: Susanne Tessa Müller

Sagen Sie mal, Herr Gründinger ... leben die Alten auf Kosten der Jungen?

Wenn ich auf meine eigene Familie schaue, würde ich nicht sagen, dass meine Großmutter auf meine Kosten lebt. Aber wenn man die großen Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft betrachtet, dann spielen die Interessen der Jungen kaum noch eine Rolle. In Deutschland wird Alte-Säcke-Politik gemacht.

Ein harter Vorwurf.

Aber deshalb nicht falsch. Die Alten sind einfach in der Überzahl. Mittlerweile ist ein Drittel der Wahlberechtigten über 60 Jahre alt. Bei SPD und Union ist sogar schon jedes zweite Mitglied älter als 60 Jahre. In den Parlamenten gibt es kaum junge Leute. Die Alten bestimmen, wo es langgeht.

Zum Beispiel?

Nehmen wir die Rentendebatte. Dadurch, dass es immer weniger junge Menschen in Deutschland gibt, spitzt sich der Verteilungskonflikt zwischen Jung und Alt zu. Und was macht die große Koalition? Sie schlägt sich auf die Seite der Alten und beschließt für die langjährig Versicherten über Nacht ein Rentenpaket mit Mütterrente und Pensionsanspruch ab 63. Die Jungen haben davon überhaupt nichts.

Auch nicht, wenn sie selbst ins Rentenalter kommen?

Nein, die Verbesserungen bei der Mütterrente gelten nur für wenige Jahre. Und aus der Rente mit 63 wird Schritt für Schritt eine Rente mit 65. Junge Menschen spielen nur eine Rolle beim Rentenpaket: Sie dürfen das Ganze über höhere Beiträge finanzieren. Herzlichen Dank.  

Aber sind diese Rentenanpassungen nicht ein Gebot der Fairness?

Wenn jemand sehr lange einzahlt oder seine Kinder entbehrungsreich großgezogen hat, ist das natürlich ein Punkt. Aber es gibt einen Haken. Das Ganze ist teuer. Bis 2030 kommen dafür realistischerweise 200 Milliarden Euro zusammen. Und man kann jeden Euro eben nur einmal umdrehen.

Was würden Sie mit dem Geld stattdessen machen?

Ein Zukunftsinvestitionsprogramm starten, unter anderem für Bildung und digitale Infrastruktur. Aber mehr Geld für Kinder, Jugend und Zukunft zu mobilisieren ist schwierig. Das konnte man wieder beobachten, als das Bundeskabinett voriges Jahr eine Kindergelderhöhung beschlossen hat. Gefordert wurden zehn Euro pro Monat, herausgekommen sind nur zwei. Das macht gerade mal 400 Millionen Euro pro Jahr aus – ein Witz im Vergleich zum Rentenpaket. Dabei leben in Deutschland 18 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Armut. Aber das thematisiert keiner, weil in den Talkshows immer nur über die Altersarmut diskutiert wird.

Die ja auch ein großes Problem ist …

... aber nicht ansatzweise so gravierend wie Kinderarmut. Bei den Alten leben nur drei Prozent von staatlicher Grundsicherung. Altersarmut ist damit kein Massenphänomen und wird auch keines werden. Im Jahr 2030 wird sie laut Prognosen fünf Prozent betragen. Immer noch weit weniger als bei Kindern schon heute. Kinderpolitik ist deshalb viel wichtiger als Rentenpolitik. Damit die Jungen faire Löhne verdienen können, brauchen wir Eliteschulen und Luxuskitas für alle, in denen unser Nachwuchs top ausgebildet wird.

Auch das ist teuer. Wie soll die Politik das alles unter einen Hut bringen?

Die heutigen Rentenpakete sind so teuer, weil sie mit der Gießkanne auch die breite Masse der Mittelstandsrentner und wohlhabenden Alten beglücken. Eine Mindestrente wäre viel günstiger, weil sie zielgerichtet Ärmeren hilft. Aber noch viel wichtiger ist es, rechtzeitig an den Ursachen der Armut anzusetzen, also Erwerbsminderung, Langzeitarbeitslosigkeit und geringe Löhne. Die Leute müssen ihr Leben lang körperlich und geistig auf Vordermann bleiben. Da gilt der Grundsatz: Gute Arbeitsmarktpolitik ist die beste Rentenpolitik.

Wird sich das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren auf Dauer halten lassen?

Es gibt nur drei Möglichkeiten, um das Rentensystem im demografischen Wandel stabil zu halten. Ich kann die Renten kürzen, die Beiträge erhöhen oder das Rentenalter raufsetzen. Die letzte Variante ist sehr effektiv, da mehr Beitragszahlern gleichzeitig weniger Rentenbezieher gegenüberstehen. Eine gute Lösung wäre, dass wir künftig für jedes zusätzliche Jahr Lebenserwartung acht Monate länger arbeiten und vier Monate länger Rente beziehen. Dadurch würde das Renteneintrittsalter bis 2060 nach und nach auf 70 Jahre ansteigen.  

Dass die Zahl der Älteren zunimmt, ist unabänderlich. Wie schafft man es trotzdem, die Interessen der Jungen besser zu berücksichtigen?

In erster Linie muss man offen über den Konflikt zwischen Jung und Alt sprechen. Den gibt es genauso wie den Konflikt zwischen Arm und Reich oder Mann und Frau. Und er hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Ich bin mir sicher, dass man damit auf offene Ohren stößt. Menschen werden ja nicht plötzlich unsolidarisch, nur weil sie 60 Jahre alt werden. Sie lassen sich durch gute Argumente überzeugen. Außerdem müssen wir unsere Demokratie zukunftsfest machen, indem wir ein Kinderwahlrecht einführen.

Wie, bitte schön, soll das funktionieren?

Ganz einfach. Alle Menschen unter 18 sollen sich für Wahlen registrieren können, sobald sie möchten.

Dafür sind Sie sogar vor das Bundesverfassungsgericht gezogen.

Ja, weil im Grundgesetz steht: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Da passt es nicht, dass 13 Millionen deutsche Staatsbürger pauschal allein aufgrund ihres Alters vom Wahlrecht ausgeschlossen werden. Deshalb habe ich gemeinsam mit 15 Kindern und Jugendlichen die letzte Bundestagswahl angefochten. 

Mit welchem Ergebnis?

Die Verfassungsrichter haben die Beschwerde abgelehnt. Sie meinten, das Mindestalter sei begründbar. Welche Gründe das sind, haben sie allerdings nicht verraten. Vielleicht kann dieser Streit nicht von acht älteren Damen und Herren entschieden werden. Wir werden den Kampf in Politik und Öffentlichkeit auf jeden Fall weiterführen. 

Der „Aufstand der Jungen", den Sie mit Ihrem Buch 2009 vorausgesagt haben, ist aber ausgeblieben.

Da bin ich mir nicht so sicher. Manche Revolution findet leise statt. Was Werte und Kultur angeht, haben die Jungen schon einiges bewegt. Sie waren es, die große gesellschaftliche Trends wie den Vegetarismus oder den fairen Handel angestoßen haben. Viele junge Leute haben heute kein eigenes Auto mehr, oftmals nicht mal einen Führerschein. Sie engagieren sich in sozialen Start-ups und erfinden die Arbeitswelt mit einer anderen Führungskultur gerade neu.  

Und fordern im Arbeitsalltag dabei nicht selten eine wohltuende WorkLifeBalance…

…Sie meinen die Generation Y, die angeblich gleich wieder weg ist, wenn es beim Arbeitgeber kein Dienstfahrrad und keine Sabbatjahre gibt. So denkt doch nur eine kleine privilegierte Schicht. Von Bosch- Chef Franz Fehrenbach kam einmal der Vorwurf, alle würden statt Karriere heute nur noch Elternzeit haben wollen. Das ist doch paradox. Auf der einen Seite sagt man uns, wir sollen mehr Kinder auf die Welt bringen. Und wenn die Geburtenrate dann endlich mal leicht steigt, heißt es wieder: Geht gefälligst arbeiten!

Was hat sich für die Jungen in der Arbeitswelt geändert?

Selbstverwirklichung findet für die meisten erst nach Feierabend statt. Wichtig ist ihnen ein sicherer Job, der anständig bezahlt ist. Aber das klappt nur noch selten. Junge Arbeitnehmer sind am stärksten von Befristungen betroffen, haben den schlechtesten Kündigungsschutz, und die Hälfte bekommt Niedriglöhne.

Woran liegt das?

Auch hier haben die Alten in Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Chefetagen das Sagen. Das sieht man auch am Einstiegslohn. Vor 30 Jahren haben ältere Arbeitnehmer zehn Prozent mehr verdient als Anfänger. Dieses Generational Pay Gap ist mittlerweile auf 25 Prozent gestiegen. Dabei brauchen doch gerade junge Menschen Geld, um eine Familie zu gründen und etwas Vermögen aufzubauen. Das klappt für sie aber oft erst, wenn die Kinder schon aus dem Haus sind. Wir bekommen eine 2-Klassen-Gesellschaft zwischen Alt und Jung.

Auf Twitter haben Sie kürzlich sogar schon eine Jugendquote für Vorstände unterstützt.

Aus gutem Grund. Ich glaube, dass gemischte Teams immer zu den besten Lösungen kommen. Denn junge Manager können eine andere Denkweise einbringen. Das ist im ureigenen Interesse der Unternehmen.

Sie selbst sind heute 32. Wie lang taugen Sie noch als Anwalt der Jungen?

Das mittlere Alter der Deutschen liegt heute bei 46 Jahren. Wenn ich 46 werde, dann schon bei 50. Da zeigt sich ein Vorteil des demografischen Wandels. In Deutschland bleibt man sehr lange jung.

Foto (Ausschnitt) oberer Bildrand: Susanne Tessa Müller