Ausgabe 01/2017 

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Das Magazin der BayernLB

Blockchain

Ausgabe 01/2017

Vom Punker zum Banker

Die digitale Kunstwährung Bitcoin will unser Geldsystem überflüssig machen. Doch taugt die Online-Währung wirklich als Zahlungsersatz?
von Stefan Schmortte

Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Geburt des Bitcoin ausgerechnet in eine Zeit fällt, in der das globale Finanzsystem außer Rand und Band gerät. Es ist November 2008: Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers hat die Wirtschaftswelt gerade in die tiefste Vertrauenskrise ihrer Geschichte gestürzt, da taucht im Internet wieder einmal die Idee einer digitalen Kunstwährung auf, die verspricht, dass es ein neues, besseres Geldsystem geben könnte. Ohne Banken, ohne Betrug und sogar mit eingebauter Inflationsbremse.

Netzaktivisten unterschiedlichster Couleur zeigen sich vom Start weg begeistert von der Idee – libertäre Wirtschaftsdenker ebenso wie Occupy-Autonome. Das war es, worauf sie die ganze Zeit gewartet hatten. Ein Peer-to-Peer-Modell, in dem weder ein Einzelner noch eine Institution den Fluss des Geldes beeinflussen kann. Auch keine Zentralbank, etwa über die Ausweitung der Geldmenge, weil die Zahl der Bitcoins im Netzwerk von vornherein auf 21 Millionen Einheiten limitiert ist.

Inflation ist in diesem System nicht vorgesehen. Ihr Geld schöpfen die Teilnehmer quasi selbst. Sie stellen die Rechenleistung ihrer Computer zur Verfügung, prüfen mit diesen sogenannten Mining-Prozessen die Transaktionen der anderen Teilnehmer auf Richtigkeit und werden für ihre Arbeit mit der Ausgabe neuer Bitcoins belohnt. Gerecht und unbestechlich. Ein vertrauenswürdiger Open-Source-Algorithmus der Masse statt undurchsichtiger Finanzgeschäfte der alten Garde.

Buy & Sell
Erste Bitcoin-Automaten, an denen die digitale Kunstwährung ge- und verkauft werden kann, sind bereits im Einsatz. Und auch im Handel lässt sich mit Bitcoins mittlerweile zahlen, selbst im Online-Shop von Edeka.
Foto: SZ-Photo/Robert Haas

Knapp zehn Jahre sind nun vergangen, seit die ersten Bitcoins im Netz ihre Besitzer wechselten. Immerhin 15 Milliarden US-Dollar sollen alle im Umlauf befindlichen Digital-Münzen heute wert sein. Eine auf den ersten Blick beeindruckende Zahl. „Aber unterm Strich auch nicht viel mehr, als die Geldmenge des karibischen Inselstaates Trinidad und Tobago auf die Waage bringt", sagt BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels. „Verglichen mit den großen Währungen der Welt, ist der Bitcoin noch immer ein Zwerg."

Allerdings einer, der sich über die Jahre hinweg ganz gut behauptet hat. Um die virtuelle Währung ist mittlerweile ein regelrechtes Ökosystem aus professionellen Minern und Spekulanten entstanden. Bitcoins müssen die Nutzer heute nicht mehr qua Rechenleistung ihrer Computer verdienen. Wer will, kann die virtuellen Münzen auch über spezielle Börsen kaufen und seine Rechnungen damit begleichen. Bei Microsoft, der lettischen Fluggesellschaft airBaltic und sogar im Online-Shop von Edeka. Doch taugt diese Kunstwährung damit wirklich als Geldersatz?

„Da habe ich Zweifel", sagt Michels. „Der Bitcoin ist ein spannendes Experiment, aber als Zahlungsmittel taugt er noch nicht. Oder was würden Sie von einer Währung halten, die binnen weniger Tage mal gerade dreißig Prozent ihres Wertes verliert?"

So geschehen erst jüngst. Kostete ein Bitcoin an den Handelsbörsen am 4. Januar noch knapp 1.130 Dollar, war er eine Woche später nur noch 776 Dollar wert. Über die Gründe des drastischen Kursverfalls lassen sich nur Vermutungen anstellen. Aber eine plausible Erklärung geht dahin, dass die Verursacher in China sitzen könnten. „Als der Yuan voriges Jahr gegenüber dem Dollar rund sieben Prozent an Wert verlor und die chinesische Regierung ihre Bürger mit strengen Kapitalverkehrskontrollen daran hinderte, noch mehr Geld außer Landes zu schaffen, war ihnen der Bitcoin möglicherweise eine willkommene Fluchtwährung, die sie im Ausland anonym gegen andere Währungen tauschen konnten, auch wenn das mit nicht zu vernachlässigenden Kosten verbunden war", sagt Michels. „Als der Yuan nun wieder aufwertete, kehrte sich der Trend um und schickte damit auch den Bitcoin auf Talfahrt."

Also doch nur eine Währung für eingefleischte Fans, Glücksritter und Spekulanten? „Was die Fürsprecher als größten Vorteil des Bitcoin rühmen, ist vielleicht auch sein größter Nachteil", sagt Michels. „In diesem System gibt es keinen Notenbankchef mehr, der im Notfall ins Geschehen eingreifen und die Märkte beruhigen könnte. Es gibt nur noch einen Algorithmus, der rechnet und neue Münzen produziert."

 

Foto (Ausschnitt) oberer Bildrand: babiradpicture/Pool