Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Unternehmen & Management

Nagel-Group

Mit der Übernahme von MUK-Transthermos baut der europaweit agierende Lebensmittellogistiker Nagel-Group seinen Tiefkühlbereich als strategisches Geschäftsfeld weiter aus. Und beweist damit Weitblick. Denn Tiefkühlkost liegt eindeutig im Trend
von Ute Klein

Feldsalat mit Lachstatar, dann Gänsebraten mit Kürbis und Bratapfel und zum Dessert eine Orangencreme mit Zitruskompott und karamellisierten Walnüssen. Das perfekte Weihnachtsmenü.Und die Zutaten? Kaufen wir mal eben im Geschäft um die Ecke ein. Bei Edeka, Lidl, Rewe, Aldi oder Metro, um nur die fünf größten Lebensmittelhändler im Land zu nennen.

„Wir können täglich zwischen 170.000 verschiedenen Lebensmitteln wählen", sagt Stefanie Sabet, Referentin bei der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Aber was für uns so selbstverständlich erscheint – Feldsalat aus Frankreich, Walnüsse aus Kalifornien oder Orangen aus Israel –, würde ohne „eine intensive Zusammenarbeit in der Lebensmittelkette und eine komplexe Logistik" gar nicht funktionieren, so Sabet. Denn natürlich gelangen all die leckeren Sachen nicht von Zauberhand in die Regale und Kühltruhen der knapp 100.000 Einzelhandelsgeschäfte, die uns mit Lebensmitteln und Getränken versorgen.

Die hohe Kunst des Lieferns

Branchenführer in diesem für unser Leben so wichtigen Geschäft ist die europaweit agierende Nagel-Group mit Stammsitz im ostwestfälischen Versmold. Die 11.000 Mitarbeiter des Lebensmittellogistikers in 16 Ländern tragen dazu bei, dass wir jeden Morgen unseren Joghurt ins Müsli rühren können oder bei besonderen Anlässen ein aufwändiges 5-Gänge-Menü auf den Tisch bringen. 6.000 Nagel-Fahrzeuge sind tagtäglich auf Europas Straßen unterwegs, um mehr als 100.000 Sendungen Fleisch, Wurst und Geügel, Milch- und Molkereiprodukte, Feinkost, Tiefkühlkost und Fertiggerichte, Süßwaren, Konserven, Cerealien oder Rohwaren an Handel, Industrie und Gastronomie zu liefern.

Startklar: Täglich sind 6.000 Fahrzeuge der Nagel-Group auf den Straßen unterwegs, um mehr als 100.000 Lebensmittel-Sendungen zu transportieren.
Foto: Thomas Rabsch

Kilometermäßig kommt für die Branche da so einiges zusammen. Ein ganz normaler Fruchtjoghurt etwa, das hat die Raumplanerin Stefanie Böge im Rahmen einer Studie einmal errechnet, hat 9.115 Transportkilometer hinter sich, bevor er im Supermarktregal steht. Die Erdbeeren stammen aus Polen, die Bakterienkultur aus Schleswig-Holstein und der Aluminiumdeckel aus dem Rheinland.

Gut zwanzig Jahre ist Böges Untersuchung mittlerweile alt, aber an Brisanz hat sie bis heute nicht verloren. Im Gegenteil: Die Wege, die unsere Lebensmittel zurücklegen – Ananas aus Costa Rica und Buschbohnen aus Kenia –, werden von Jahr zu Jahr länger. Und die Anforderungen an die Logistiker größer. „Ist schon das Transportwesen an sich eine hohe Kunst, ist die Lebensmittellogistik quasi die Kür davon", sagt Frank Böschemeier, einer der drei Geschäftsführer der Nagel-Group und als CFO für die Finanzen zuständig. „Bei uns geht es um verderbliche Waren. Also höchste Geschwindigkeit und die Einhaltung der Kühlkette über den gesamten Lieferweg hinweg."

Wachstumssegment Tiefkühlkost

Dieses Geschäft beherrscht Nagel aus dem Effeff. Die 1935 gegründete Spedition lieferte schon in den 1950er-Jahren die berühmten Versmolder Fleisch- und Wurstwaren in Richtung Süddeutschland und Berlin. Um Leerfahrten zu vermeiden, wurde auf dem Rückweg auch schon mal Kohle aus dem Ruhrgebiet mit zurück in die Heimat genommen. „Das machen wir heute natürlich nicht mehr, aber die Vermeidung von Leerfahrten und die Steigerung der Effzienz sind für uns selbstverständlich noch immer sehr wichtig", sagt Böschemeier.

Hat gut lachen: Finanzchef Frank Böschemeier blickt optimistisch in die Zukunft. Den Tiefkühlkost generiert für die Nagel-Group weiteres Wachstum.
Foto: Thomas Rabsch

„Connecting the world of food", heißt der Firmenslogan heute und drückt aus, was der Lebensmittellogistiker im Kern ist – ein Anbieter von Warehouse- und Distributionslösungen, der täglich mehr als 500 Millionen Verbraucher in Europa durch schnelle und pünktliche Lieferung mit Lebensmitteln versorgt. „Wir haben die Mentalität des Aufbruchs verinnerlicht", sagt Böschemeier. „Und deshalb arbeiten wir auch daran, unser Logistiknetzwerk beständig zu erweitern."

Etwa im Bereich Tiefkühlkost, für die Nagel-Group ein hochinteressantes Segment für weiteres Wachstum. Denn auch wenn das Freizeitkochen gerade zum regelrechten Event avanciert, angefacht von Fernsehshows, in denen Profis und Amateure ihr Können messen, sieht die Wirklichkeit doch sehr viel anders aus. „Ready-to-cook"- und Convenience-Produkte statt Paul Bocuse und Haute Cuisine.

„Das moderne Erwerbsleben bricht etablierte Ernährungsriten auf", schreibt Robert Kecskes, Senior Insights Director der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), in der Trendstudie „Consumer’s Choice 2015". Er fasst damit zusammen, was auf der Anuga, der wichtigsten Fachmesse der internationalen Ernährungswirtschaft, schon seit einiger Zeit für mächtig Gesprächsstoff sorgt. Während die Inlandsumsätze der Lebensmittelindustrie 2015 insgesamt um 3,9 Prozent sanken (auf aktuell 113,2 Milliarden Euro), erhöhte sich der Gesamtumsatz mit Tiefkühlkost (TK) um 4,2 Prozent auf 13,325 Milliarden Euro. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 43,6 Kilogramm ist die frostige Ware damit so beliebt wie nie.

Ernährungstrends im Blick

Diese Entwicklung haben natürlich auch die Nagel-Manager sehr genau im Blick. „Neue Trends von Vegan über Bio bis hin zum E-Food haben direkte oder indirekte Auswirkungen auf die Lieferketten und damit auf unser Geschäft", sagt Böschemeier. „In Deutschland wird der TK-Boom durch die Zunahme von Single-Haushalten befeuert, aber auch Restaurants, Kantinen, Bäckereien oder Großküchen greifen verstärkt auf tiefgekühlte Vorprodukte zurück. Zwar ist Tiefkühlware innerhalb der gesamten Lebensmittellogistik ein noch relativ kleines Segment, aber es ist das mit den höchsten Wachstumsraten."

So ergibt auch der jüngste Coup der Nagel-Group durchaus Sinn: die Übernahme der MUK-Transthermos-Gruppe Mitte dieses Jahres. Bereits in der Vergangenheit hatten die Nagel-Manager kontinuierlich in die eigene Infrastruktur investiert und damit begonnen, ein eigenes flächendeckendes Tiefkühlnetz in Deutschland aufzubauen. Aber erst mit Transthermos steigt das Unternehmen jetzt zum bedeutenden Marktplayer in der deutschen Tiefkühllogistik auf.

Transthermos beschäftigt mehr als 1.000 Mitarbeiter und verfügt über 22 Tiefkühlzentren in ganz Deutschland. Gemeinsam mit den 27 eigenen Niederlassungen hat die Nagel-Group damit nun ein äußerst engmaschiges Tiefkühlnetz. „Von jedem dieser Standorte aus können wir künftig tiefgekühlte Ware liefern", sagt Böschemeier.

Für die Distribution hat Nagel gerade erst in 90 neue Transportfahrzeuge investiert. Damit verfügt das Unternehmen heute über 6.000 fahrende Einheiten (1.500 Zugmaschinen und 4.500 Trailer), die auf europäischen Straßen unterwegs sind und zum Großteil über sogenannte Mehrkammersysteme verfügen, also Ladezonen, die sowohl Gefrorenes als auch Frischware transportieren können – von Tiefkühlgänsen bis Feldsalat, mit einem Kältebereich von weniger als minus 18 Grad Celsius bis Raumtemperatur.

Flexibilität ist Trumpf

Die hohe Kapitalbindung durch die eigene Fahrzeugflotte rechnet sich für das Unternehmen. Nicht nur, weil sie in Verbindung mit einer leistungsfähigen IT das effiziente Management von Warenflüssen gewährleistet, von der Transportplanung bis hin zu GPS-Tracking und Echtzeit-Trailer-Verfolgung. Sondern auch, weil die Nagel-Group damit vor dem teuren Zukauf bei knappem Laderaum gewappnet ist. „Ein sehr essentieller Aspekt unserer Fahrzeugflotte ist die damit verbundene Agilität", sagt Böschemeier. „Die Tonnagen können von einem Tag auf den anderen um 40 Prozent rauf- oder runtergehen. Nur weil wir uns eine so große Flotte leisten, können wir darauf jederzeit schnell und flexibel reagieren."

Tiefkühl-Lager Wustermark: Die Nagel-Group verfügt nach der Übernahme von MUK-Transthermos über ein engmaschiges Tiefkühlnetz in Deutschland.
Foto: Nagel-Group/Andre Zelck

Größte Herausforderung für den Lebensmittellogistiker bleibt dabei immer, die Kühlkette lückenlos in den einzelnen Temperaturbereichen aufrechtzuerhalten. „Unsere Mitarbeiter kontrollieren die Temperatur regelmäßig", sagt Böschemeier. „Wenn die Ware beim Versender abgeholt wird ebenso wie bei der Entladung in unseren Standorten. Außerdem erfolgt eine kontinuierliche Überwachung der Raumtemperatur an unseren Lagerstandorten und auf allen Fahrzeugen." Abgewickelt werden alle Prozesse nach höchsten Qualitätsstandards, die regelmäßig durch interne und externe Audits geprüft werden.

Und wohin geht die weitere Reise? Was ist mit dem Online-Handel, der den Lebensmittelmarkt nun verstärkt ins Visier nimmt? Natürlich beobachten die Nagel-Manager diese Entwicklung sehr genau, auch wenn sie ihr Geschäft im B2B-Business machen und nicht mit dem Endverbraucher. „Wer auch immer die Ware an die Haustür liefert, braucht gut erreichbare Zwischenlager und Logistikspezialisten, die für regelmäßigen Nachschub sorgen, sich um die Kühlung verderblicher Lebensmittel kümmern und die Online-Bestellungen gegebenenfalls kommissionieren", sagt Böschemeier.

Zwar beträgt der E-Commerce-Umsatz im Handel mit Lebensmitteln in Deutschland gerade mal erst 1,6 Prozent. Aber Experten erwarten, dass dieser Anteil schon bald sehr stark zunehmen könnte. „E-Food-Anbieter müssen nach einer aktuellen Studie der TU Berlin 60 bis 80 Artikel über mehrere Temperaturbereiche aus einem Sortiment von 25.000 Produkten in zwölf bis 24 Stunden kommissionieren und innerhalb von ein- bis zweistündigen Lieferfenstern zustellen", sagt Böschemeier. „Das erfordert eine hohe logistische Kompetenz und entsprechende Lieferdienststrukturen."

Im Klartext: Sollte sich der Online-Handel mit Lebensmitteln in den kommenden Jahren so positiv entwickeln wie von Experten erwartet, könnten sich auch daraus wieder interessante Chancen für die Nagel-Group ergeben. Aufbruchstimmung eben.

 

Foto oberer Bildrand (Ausschnitt): Stockfood