Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Märkte & Finanzen

Pensionslasten

Deutsche Unternehmen müssen immer mehr Milliarden zurücklegen, um die Betriebsrenten ihrer Angestellten zu finanzieren. Warum der richtige Umgang mit den Pensionslasten keine leichte Aufgabe ist – aber auch keine unlösbare
von Bernd Grebler

Das wird teuer

Daimler hat es gerade wieder getan. 1,8 Milliarden Euro steckt der Automobilkonzern in Form von Beteiligungen an Renault und Nissan dieses Jahr in sein Pensionsvermögen. „Damit sichern wir die Ansprüche unserer Beschäftigten langfristig ab", ließ Konzernchef Dieter Zetsche wissen, gleich nachdem der Aufsichtsrat Ende Juni die Maßnahme beschlossen hatte.

Allerdings, so ganz freiwillig erfolgte die Finanzspritze nicht. Denn in Zeiten, in denen der Leitzins im Dauertief verharrt und selbst deutsche Bundesanleihen im Negativbereich rentieren, vermehrt sich das zurückgelegte Kapital immer langsamer. Die Konzerne müssen Geld für ihre Betriebsrenten nachschießen, Millionen oder sogar Milliarden.

Die Misere trifft alle Unternehmen, nicht nur Daimler. Insgesamt 235 Milliarden Euro haben die DAX-30-Konzerne für die künftig fällig werdenden Altersbezüge ihrer Beschäftigten angehäuft, im Fachjargon Planvermögen genannt. Eine stolze Summe, aber bei weitem nicht genug, um ihre Verpflichtungen in Höhe von 364 Milliarden Euro zu erfüllen. Der Deckungsgrad lag nach Berechnungen der Unternehmensberatung Willis Towers Watson 2015 bei gerade mal 65 Prozent, mit großen Unterschieden zwischen den einzelnen Unternehmen. Während etwa die Deutsche Bank ihre Verpflichtungen zu 101 Prozent abgedeckt hat, sind es beim Wohnungsbaukonzern Vonovia nur vier Prozent.

In Deckung

Allein 2015 investierten die DAX-30-Unternehmen 9,9 Milliarden Euro in die Vorsorge und häuften damit ein Planvermögen von insgesamt 235 Milliarden Euro an. Zu wenig, um ihre künftigen Pensionsverpflichtungen damit abzudecken zu können. Und auch im internationalen Vergleich keine besonders hohe Quote. Während die 1.000 umsatzstärksten US-Unternehmen im Schnitt auf einen Deckungsgrad von 82 Prozent kommen, die im britischen Aktienindex FTSE 350 gelisteten Unternehmen sogar auf 83 Prozent, liegt der Ausfinanzierungsgrad hierzulande bei nur 65 Prozent. Was allerdings auch daran liegt, dass es in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern keine gesetzlichen Vorschriften gibt, ob und wie viel Planvermögen überhaupt gebildet werden muss. Hier acht ausgewählte Dax-Unternehmen im Vergleich:

Pensionsverpflichtungen in Milliarden Euro; gebildetes Planvermögen in Prozent:

DAX-UnternehmenPensions-
Verpflichtungen
in Milliarden Euro
gebildetes
Planvermögen
in Prozent
Volkswagen*        38,9         24 %
Siemens        36,8         74 %
Daimler        28,8         71 %
Bayer        26,8         60 %
BASF        24,9         75 %
Deutsche
Bank
        18,0        101 %
ThyssenKrupp          9,7         24 %
Vonovia          0,5           4 %

 

Lesebeispiel. Die Pensionsverpflichtungen von Volkswagen belaufen sich auf 38,9 Mrd. Euro. Das dafür gebildete Planvermögen beträgt 9,2 Mrd., also lediglich 24 Prozent.

Quelle: Studie DAX-Pensionswerke 2015, Willis Towers Watson,*Vorjahreswerte, weil der Geschäftsbericht 2015 nicht vorlag

Zwar sagt der Deckungsgrad nichts über die Solidität des jeweiligen Unternehmens aus. Die Pensionen können später schließlich auch aus dem laufenden Geschäftsbetrieb gezahlt werden. Aber die große Bandbreite an Finanzierungsstrategien macht deutlich, wie unterschiedlich die Konzerne auf das wachsende Problem reagieren.

Manche machen sich die Mini-Zinsen sogar zunutze, so wie etwa die Deutsche Post, die im März zwei Anleihen über 1,25 Milliarden Euro platzierte, vorrangig dafür reserviert, um ihre Pensionsverpflichtungen zu finanzieren. Bereits Ende 2012 hatte das Unternehmen den Kapitalmarkt aus dem gleichen Grund angezapft. Ein gelungenes Modell, weil das angelegte Vermögen den Post-Managern mehr Ertrag einbrachte, als sie an Kapitalkosten dafür zahlen mussten. Seither sind die Zinsen weiter gesunken, eine Erfolgsstory Teil zwei also nicht ausgeschlossen.

Jeder Chef weiß, dass die betriebliche Altersvorsorge teuer ist. Aber er weiß auch, dass die Betriebsrente ein wichtiges Argument ist, um qualifizierte Mitarbeiter an sich zu binden. Wer den vielbeschworenen Kampf um die Talente für sich entscheiden will, muss etwas bieten – nicht nur sofort, sondern auch für spätere Zeiten. „Für Unternehmen, die sich am Arbeitsmarkt besonders interessant machen wollen, ist die betriebliche Altersvorsorge ein wichtiges Instrument", sagt Thomas Jaspers, Leiter Retirement Solution bei Willis Towers Watson.

61 Prozent aller Arbeitnehmer, hat eine repräsentative Umfrage seines Hauses ergeben, sehen die Betriebsrente neben der gesetzlichen (75 Prozent) als eine ihrer wichtigsten Einkommensquellen im Alter an. Erst mit großem Abstand folgen Ersparnisse (34 Prozent) und Immobilien (23 Prozent). Kein Wunder deshalb, dass die Beschäftigten ihre Ansprüche mit aller Macht verteidigen.

Schwere Vorsorge:
Solang die Leitzinsen im Dauertief verharren, fällt es den Unternehmen immer schwerer, das für die Betriebsrenten zurückgelegte Kapital zu mehren.
Illustration: BayernLB/Pieter van Eenoge

Die Lufthansa hat das in jüngster Zeit besonders hart zu spüren bekommen. Erst nach Dauerstreiks und jahrelangen Verhandlungen mit ihren Flugbegleitern brachte ein Schlichtungsverfahren im Sommer endlich die Lösung. Künftig garantiert die Fluggesellschaft ihrem Kabinenpersonal nur noch die Höhe der Beiträge zur Altersversorgung, nicht aber, wie viele Euro im Rentenfall später dann herausspringen. Ein Deal, den sich die Arbeitnehmervertreter teuer abkaufen ließen: mit Einmalzahlungen, 5,5 Prozent mehr Lohn in drei Stufen und einer Beschäftigungsgarantie bis 2021.

Gut möglich, dass diese Einigung schon bald Schule machen könnte. Denn die Aufwendungen für die betriebliche und auch die private Altersvorsorge sind dramatisch gestiegen. „Vor zehn Jahren beliefen sich die erwarteten Kosten für eine jährliche Altersrente von 1.000 Euro noch auf etwa 300 Euro pro Jahr", rechnet Alfred Gohdes vor, Chefaktuar bei Willis Towers Watson. „Heute muss ein 35-Jähriger dafür schon mehr als das Dreifache aufwenden."

Vor allem im Mittelstand herrscht Alarmstimmung. Nach Berechnungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) sind die kleinen und mittleren Unternehmen aktuell mit 24 Milliarden Euro durch Pensionsverpflichtungen belastet. Die Deckungslücke, warnt DIHK-Hauptgeschäftsführer Volker Treier, beläuft sich „in den nächsten zwölf Jahren auf mehr als vier Milliarden Euro".

Selbst Insolvenzen wollen Experten deshalb nicht länger ausschließen – so wie beim Strumpfhersteller Kunert 2013 geschehen, der zu seinen besten Zeiten einmal 6.000 Beschäftigte zählte. Mit einer Belegschaft von zum Schluss nur noch 1.000 Mitarbeitern konnte das Traditionsunternehmen seine Pensionsversprechen dann nicht mehr erfüllen. „Unsere Altlasten nehmen uns die Luft", musste Vorstandschef Hermann de Jong eingestehen – und Pleite anmelden.

Damit sich solche Fälle nicht wiederholen, sind kluge Investmentstrategien heute mehr gefragt denn je. „In deutsche Staatsanleihen zu investieren hat die letzten 20 Jahre gut funktioniert", sagt Patrick Klinger, Direktor Institutionelle Kunden bei der BayernInvest, dem Kompetenzzentrum für institutionelles Asset-Management im BayernLB-Konzern. „Jetzt ist es an der Zeit, sich für andere Asset-Klassen wie Aktien, Nachranganleihen und Emerging-Markets-Bonds zu öffnen."

Rendite-Jäger:
Stefan Zander, Senior Manager Corporate Finance beim Baukonzern Hochtief, sucht nach alternativen Geldanlagen.
Foto: BayernLB

Der Essener Baukonzern Hochtief hat damit bereits gute Erfahrungen gesammelt. „Es gibt keinen risikolosen Zins mehr, aber sehr wohl noch ein zinsloses Risiko", sagt Stefan Zander, Senior Manager Corporate Finance. Für ihn Grund genug, über alternative Geldanlagen nachzudenken. Seit 2012 betrug die Rendite auf das Pensionsvermögen des Konzerns im Schnitt 3,8 Prozent pro Jahr. Geholfen hat dabei eine Anlagestrategie, die neben einem substanziellen Aktienanteil von 27 Prozent auch Immobilieninvestments umfasst. Gerade Immobilien, sagt Zander, sind ein „stabiler Anker für die Performance" – vorausgesetzt, man hat einen Asset-Manager mit speziellem Knowhow in diesem Bereich an seiner Seite.

„Immobilieninvestments im Pensionsvermögen haben einen ganz besonderen Charme, da ihr langfristiger Charakter dem von Pensionsverpflichtungen entspricht", sagt Tobias Kotz, Leiter Institutionelle Kunden bei der Real I.S., dem Immobilien-Asset-Manager im BayernLB-Konzern. Interessant seien vor allem „Core-Immobilien" in Euro-Ländern, also vermietete Objekte in guten Lagen mit langfristig gebundenen Mietern. „Das sichert einen stabilen Cashflow bei vergleichsweise hohen Renditen."

Profis können den Unternehmen dabei helfen, ihr Planvermögen sinnvoll anzulegen. Doch Unterstützung könnten die Unternehmen auch von anderer Seite gebrauchen – insbesondere die vielen Mittelständler, die nach HGB-Recht bilanzieren. Sie müssen ihre Pensionsrückstellungen mit einem Durchschnittszins bewerten, der in den vergangenen Jahren nur eine Richtung kannte: nach unten. Mindestens 1,7 Milliarden Euro zusätzliche Rückstellungen hat der Mittelstand nach DIHK-Berechnungen seit 2008 deshalb bilden müssen. Geld, das für das operative Geschäft fehlt.

Die Politik reagierte im Frühjahr nur halbherzig. Statt den HGB-Rechnungszins, wie von Finanzvorständen gefordert, auf einen festen Wert zu fixieren oder zumindest auf den Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre zu erhöhen, beschloss das Kabinett in Berlin nur eine Anhebung von bisher sieben auf zehn Jahre.

Das Problem haben die Politiker damit nur unzureichend entschärft. Denn wenn die Zinsen auch weiterhin niedrig bleiben, wird der Rechnungszins nach Kalkulationen der Personalberatung Aon Hewitt von derzeit rund vier Prozent bis Ende 2021 auf 1,8 Prozent absinken. Die Folge: Es wird noch mehr Geld in die Rückstellungen fließen müssen, noch weniger für Investitionen übrig bleiben. Bilanzieller Sprengstoff, heute bereits absehbar, aber erst in Jahren wirksam.

Kurios dabei: Für die Steuerbilanz hält der Gesetzgeber nach wie vor an einem längst unverhältnismäßig hohen und pauschalen Rechnungszins von sechs Prozent fest und besteuert die Rückstellungen für das Pensionsvermögen wie normale Gewinne. DIHK-Hauptgeschäftsführer Volker Treier drückt es so aus: „Letztlich werden hier Gewinne besteuert, die die Betriebe überhaupt nicht realisieren können."

 

Illustration (Ausschnitt) oberer Bildrand: BayernLB/Pieter van Eenoge