Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Künstliche Intelligenz

"Sie haben doch auch keine Zielkonflikte mit Kängurus"

Informatikprofessor Jürgen Schmidhuber über reich gewordene Ex-Studenten, den großen Irrtum in der Science-Fictionliteratur – und warum die Maschinen schon bald sehr viel klüger sind als alle Menschen zusammen
von Stefan Schmortte

Im März hat eine Maschine den koreanischen Großmeister Lee Sedol im Strategiespiel Go geschlagen. Hat Sie der Sieg überrascht?

Schmidhuber: Für Experten schien das absehbar, weil es in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte bei Go gab. Andererseits bin ich auf diesen Erfolg schon ein bisschen stolz, weil die Firma DeepMind als Entwickler dieser Software sehr stark von meinen Doktoranden geprägt wurde. Einer war Mitgründer der Firma, ein anderer der erste Angestellte, bevor Google das Start-up Anfang 2014 für 600 Millionen Dollar gekauft hat.

Go ist nur ein Spiel, aber es geht natürlich um weit mehr als das. Wie wird die Künstliche Intelligenz unser Leben verändern?

Es wird künftig keine nennenswerte menschliche Tätigkeit mehr geben, die nicht ähnlich gut von einem selbstlernenden neuronalen Netzwerk übernommen werden kann. Jeder Beruf wird davon betroffen sein.

Also erobern die Maschinen nach den Fabrikationshallen der Industrie jetzt auch die Büroetagen der Angestellten?

Nicht nur die Büroetagen. Die Künstliche Intelligenz dringt auch in Bereiche vor, die früher Ärzten vorbehalten waren. Bereits 2012 konnte ein in meinem Team entwickeltes und preisgekröntes neuronales Netz auf Mikroskop-Bildern von weiblichem Brustgewebe Vorstufen von Krebszellen fast so gut erkennen wie ein erfahrener Histologe. Seinen Job wird der Arzt deshalb nicht gleich verlieren, aber er kann künftig pro Stunde viel mehr Patienten mit gleicher Qualität behandeln. Das heißt, die Künstliche Intelligenz wird nicht nur einfache Tätigkeiten transformieren, sondern auch sehr hoch angesehene Berufe.

Trotzdem sagen Experten massive Arbeitsplatzverluste voraus. Manche halten sogar jeden zweiten Job für gefährdet.

Es ist einfach vorherzusagen, welche Jobs verloren gehen, aber sehr viel schwerer, welche neuen entstehen. In Südkorea gibt es heute professionelle Videospieler. Vor zwanzig Jahren konnte sich kaum einer vorstellen, womit Leute heute auf Youtube & Co. ihr Geld verdienen. Gerade in jenen Ländern, die besonders viele Roboter im Einsatz haben, etwa Südkorea, Japan oder Deutschland, verzeichnen wir niedrige Arbeitslosenquoten. Der homo ludens, der spielende Mensch, erschafft sich ständig neue Berufe und Arbeitsfelder, die wir heute noch gar nicht kennen.

Es geht nicht nur um die Zukunft der Arbeit, sondern vielleicht sogar um die Zukunft der Menschheit. Männer wie Bill Gates warnen bereits vor der Entwicklung superintelligenter Maschinen. Teilen Sie diese Sorgen?

Die meisten, die diese Ängste schüren, sind keine Experten der Künstlichen Intelligenz. Natürlich birgt die technologische Entwicklung Möglichkeiten zur militärischen Anwendung. Aber maximale Selbstzerstörungskraft war bereits vor langer Zeit erreicht. Die alten Wasserstoffbomben hätten unsere Zivilisation in kürzester Zeit auslöschen können. Dazu braucht es keine Künstliche Intelligenz. Außerdem halte ich den Zielkonflikt, der von den Hollywood-Regisseuren in ihren Science-Fiction-Filmen à la Terminator so gern beschworen wird, für ziemlich übertrieben. Warum sollten uns die Maschinen eines fernen Tages gefährlich werden? Die meisten Zielkonflikte hat man doch immer nur mit jenen, die einem ähnlich sind. Sie haben doch auch kaum Zielkonflikte mit Kängurus. Nur weil einer klüger ist als der andere, bringt er ihn nicht um.

Man hat sehr stark den Eindruck, dass die Entwicklung Künstlicher Intelligenz ausschließlich von US-Firmen dominiert wird. Von Google, Apple, Microsoft, Facebook & Co. Haben europäische Unternehmen den Anschluss verloren?

Künstliche Intelligenz wurde vor allem von Akademikern entwickelt, nicht von Firmen. Und viele der zentralen Verfahren, die Google & Co. heute verwenden, stammen aus Europa. Das sogenannte Deep Learning, das tiefe Lernen, geht zum großen Teil auf europäische Erfindungen zurück. Das Long Short-Term Memory etwa, das mein Team seit den 1990ern entwickelt hat, konnte Googles Spracherkennung dramatisch verbessern und begegnet Ihnen heute auf Ihrem Smartphone. Selbstfahrende Autos hat Ernst Dickmanns, damals Professor an der Bundeswehr-Hochschule in München, schon 1995 auf die Autobahn geschickt. Und das World Wide Web selbst, die Basis für den heutigen Erfolg der Hightech-Konzerne in den USA und China, hat ein britischer Einwanderer in der Schweiz entwickelt. Der Mann ist damit allerdings nicht reich geworden. Was ich damit sagen will: Aus Europa kommen immer noch viele der tollsten Ideen, aber das Geld verdienen andere damit. Europa fehlt es an mutigen Investoren, die ihr Geld ähnlich risikofreudig wie die in den USA in neue technologische Entwicklungen stecken.

Die Natur hat Milliarden von Jahren gebraucht, um die ersten Primaten hervorzubringen. Bis zum Menschen brauchte es dann nur noch ein paar Millionen Jahre. Wann werden wir eine maschinelle Superintelligenz besitzen?

Anfang der 1940er-Jahre hat Konrad Zuse den ersten programmierfähigen Rechner der Welt gebaut, den ersten richtigen Computer. Seither wuchs die Rechenleistung unserer Computer pro Mark alle fünf Jahre um den Faktor 10, alle 30 Jahre also um den Faktor von einer Million. Wir werden wohl schon in naher Zukunft kleine, billige Rechner besitzen, die so rechnen können wie ein menschliches Gehirn. Dann wird es nur noch 50 Jahre dauern, bis wir Rechner haben, die so viel können wie alle zehn Milliarden Menschenhirne zusammen. Die Welt wird sich dadurch grundlegend wandeln. Jeder einzelne Aspekt unserer Zivilisation wird von dieser Entwicklung erfasst werden. Das erzähle ich übrigens schon seit den 1980er-Jahren. Heute hören mir allerdings mehr Menschen zu.

 

Foto (Ausschnitt) oberer Bildrand: Getty Images / Oliver Burston