Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Künstliche Intelligenz

Die künstliche Intelligenz

Sie arbeiten rund um die Uhr, jammern nicht und brauchen keinen Urlaub. Nachdem die Roboter bereits die Produktionshallen der Industrie erobert haben, rücken sie jetzt auch auf die Etagen der Büroangestellten vor. Wie eine neue Generation von Maschinen unsere Welt verändert.
von Stefan Schmortte

High-Tech-Trends

Diesen Showdown dürfen sich die Geschichtsschreiber schon mal rot im Kalender anstreichen: Es ist fünf Uhr morgens deutscher Zeit, als das Duell am 9. März 2016 in Seoul beginnt. Das Preisgeld beträgt eine Million Dollar. Es tritt an: Schwarz gegen Weiß, ein Mensch gegen eine Maschine. Lee Sedol, der koreanische Großmeister im asiatischen Strategiespiel Go, gegen eine Softwareentwicklung der Google-Tochter DeepMind.

Natürlich, so ein Match hat es auch früher schon einmal gegeben, etwa als der IBM-Computer Deep Blue vor knapp 20 Jahren den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow schlug. Aber dieses Duell ist von anderer Qualität. Denn mit Rechnerleistung allein – Deep Blue kalkulierte vor jedem Zug gegen Kasparow seinerzeit 200 Millionen Positionen pro Sekunde – ist das 2500 Jahre alte Brettspiel nicht zu gewinnen.

Zwar sind die Regeln relativ überschaubar. Aber die Zahl der möglichen Züge ist unvorstellbar groß. 10170 beziffert die möglichen Go-Kombinationen auf dem Spielfeld – mehr, als es Atome im Universum gibt, und weit mehr, als ein Computer nach heutigem Stand durchrechnen könnte. Dagegen ist Schach für eine Maschine nur ein besseres Mensch-ärgere-dich-nicht.

Nach fünf Begegnungen geht die Partie in Seoul zu Ende. Mit einem Ergebnis, das vor allem die Profi-Spieler überrascht. Am 15. März muss sich der koreanische Großmeister mit 4 : 1 geschlagen geben – ein technischer K.o. in einer ganzen Reihe von Disziplinen, die der Mensch bislang nur sich selbst zutraute: Kreativität, Intuition und Lernfähigkeit.

„Wir stehen am Anfang einer ganz neuen Ära, die ähnlich einschneidend ist wie die Entwicklung des Internets", sagt Emmanuel Mogenet, Chef von Google Research Europe, einer gerade erst gegründeten Forschungsgruppe für Künstliche Intelligenz (KI) in Zürich. In seinem Team arbeiten Computerspezialisten, die nicht nur etwas vom Programmieren verstehen, sondern auch von Neurowissenschaften und Physik. Ihr erklärtes Ziel: den Maschinen das Denken beizubringen, damit sie künftig ähnlich klug agieren wie der Mensch, vielleicht sogar noch ein bisschen klüger.

Next Generation:
Alter nennt sich das neueste Roboterkonzept von Hiroshi Ishiguro an der Universität Osaka. Dank ihrer empfindlichen Sensoren kann die Maschine äußere Reize erkennen, sich selbstständig bewegen und mit ihrem Gesicht menschliche Züge nachahmen. Um zu entscheiden, welche Gesten und Bewegungen die jeweils angemessenen sind, arbeitet in der Maschine ein sich selbst trainierendes neuronales Netz.

Foto: ddp

„Im Prinzip wissen wir schon heute, wie man eine sich selbst verbessernde Intelligenz baut, die neugierig immer mehr Fähigkeiten erwirbt", sagt Jürgen Schmidhuber, Wissenschaftlicher Direktor des Schweizer Instituts für die Erforschung Künstlicher Intelligenz (IDSIA). „Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir Rechner haben, die so viel können wie alle Menschenhirne auf dieser Welt zusammen."

Noch sind die Roboter relativ dumm und machen nur, worauf sie programmiert sind. Sie lenken Autos, schweißen in den Fabriken die Karosserien zusammen und transportieren in den Logistikzentren von Amazon & Co. die Waren von den Hochregalen zu den Kommissionierstationen – lautlos dirigiert von Sensoren und Barcodes. Doch die technischen Möglichkeiten reichen schon heute sehr viel weiter:

• In Tokio stellte der Telekommunikationskonzern Softbank bereits 2014 den humanoiden Roboter Pepper vor, darauf programmiert, im Einzelhandel als Verkäufer zu jobben oder im Haushalt einfache Hilfsarbeiten zu übernehmen. Das Besondere an dem 1,20 Meter großen Digital-Assistenten: Er kann Mimik und Gestik eines Menschen entschlüsseln und auf emotionale Grundstimmungen reagieren.

• Im niederländischen Delft enthüllten Wissenschaftler der Technischen Universität und KI-Experten von Microsoft kürzlich „The Next Rembrandt" – ein Bild, nicht vom großen Barockmaler selbst erschaffen, sondern von einem selbstlernenden Computerprogramm, das aus 346 Original-Gemälden das Meisterbild schlechthin generierte – einen Rembrandt aus dem Rechner. Ziel der Entwicklung: eine Maschine, die Emotionen nicht bloß erkennen, sondern im nächsten Schritt auch selbst auslösen kann.

• Und in San Francisco trat bei Baker & Hostetler, einer der größten Anwaltskanzleien der Welt, jüngst ein Kollege seinen Dienst an, für den der Krawattenzwang ausnahmsweise mal aufgehoben wurde. Ross heißt der Neuzugang in der Kanzlei – ein Roboter, der sich durch Berge von Anträgen und Unterlagen wühlt und die aktuellen Rechtsfälle für die Juristen vorbereitet. Eine Aufgabe, die bisher von Berufseinsteigern erledigt wurde.

Nach ihrem Siegeszug an den Fertigungsbändern der Industrie erobern die Roboter jetzt also auch die Büroetagen der Angestellten – mit weitreichenden Folgen für den Arbeitsmarkt. Vom Weltwirtschaftsforum Davos Anfang des Jahres befragte Top-Manager erwarten, dass ihr Einsatz bis 2020 insgesamt fünf Millionen Jobs in den Industrieländern kosten wird, die meisten davon im Verwaltungsbereich. Was heute noch der Sachbearbeiter erledigt, soll dann der Algorithmus übernehmen.

Schau mir in die Augen, Kleines:
Überzogen mit einer Haut aus Silikon, sehen diese beiden Roboter-Damen schon fast aus wie Menschen. Sie heißen Otonaroid und Kodomoroid und sollen Museumsbesuchern in Japan künftig Rede und Antwort stehen.

Foto: Getty Images

Schon fürchten Beobachter wie der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar um den Erhalt des sozialen Friedens und fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für eine Zukunft, in der intelligente Maschinen die herkömmliche Lohnarbeit überflüssig machen könnten. Post-Chef Frank Appel plädiert für eine Art Roboter-Steuer zur Finanzierung staatlicher Aufgaben. Und selbst Männer wie Microsoft-Gründer Bill Gates, der Technikfeindlichkeit sicherlich unverdächtig, sehen in der fortschreitenden Digitalisierung nicht nur Vorteile. „Zunächst werden uns die Maschinen viele Jobs abnehmen. Das hat etwas Positives, wenn wir es gut kontrollieren", sagt er. „Aber ein paar Jahrzehnte später wird die Intelligenz so stark sein, dass es besorgniserregend ist."

Werden also bald Szenarien Wirklichkeit, die bisher allenfalls als Stoff für Hollywoods Science-Fiction-Filme taugten? Phantasien wie in i-Robot oder Terminator beschworen, die uns eine Welt zeigen, in der die Roboter die Macht übernommen haben? Und die sich eines fernen Tages dann fragen, wozu es den Menschen überhaupt noch braucht?

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wo es Anfang des Jahres um genau diese Fragen ging, erklärte der amerikanische Vizepräsident Joe Biden: „Wir müssen sicherstellen, dass die digitale Revolution mehr Gewinner hervorbringt als Verlierer. Das ist das, was auch unsere Vorgänger in früheren industriellen Revolutionen getan haben."

Deus ex machina:
Die DASA-Ausstellung „Die Roboter“ zeigt gerade in Dortmund, wie sich das Verhältnis von Mensch und Maschine verändert, und bietet einen Einblick in aktuelle, historische und künftige Technik-Welten (noch bis 25. September, Friedrich-Henkel-Weg 1–25 in 44149 Dortmund).

Foto: obs / Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin / DASA

Pragmatismus also ist gefragt. Denn die Chancen, die sich durch die Schaffung Künstlicher Intelligenz eröffnen, sind durchaus vielfältig – selbst in so sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen. So ging in der Fachklinik für medizinische Rehabilitation im thüringischen Bad Liebenstein gerade ein Forschungsprojekt zu Ende, in dem ein sprechender Roboter Schlaganfallpatienten dabei unterstützte, wieder laufen zu lernen. Entwickelt von Technikern der MetraLabs GmbH in Ilmenau, leitete der Prototyp die Patienten zu Gehübungen an, protokollierte jeden Fortschritt der Rehabilitation und passte das Trainingsprogramm entsprechend an. Für die Barmer Ersatzkasse, die das Projekt unterstützte, ein vielversprechender Ansatz. Landesgeschäftsführer Hermann Schmitt: „Ich denke, die Robotik hat in der Reha eine große Zukunft vor sich."

Und wohl nicht nur dort. Immerhin 83 Prozent aller Deutschen können sich laut einer Forsa-Umfrage gut vorstellen, sich später einmal von einem Service-Roboter pflegen zu lassen – jedenfalls sehr viel lieber, als das eigene Zuhause für einen Platz im Altenheim aufgeben zu müssen.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka will die Entwicklung interaktionsfähiger Roboter deshalb gezielt fördern. „Wir müssen die technischen Möglichkeiten an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen ausrichten", sagt sie. „Wenn das gelingt, können autonome Systeme die Lebensqualität nachhaltig verbessern." Nicht nur, indem sie die Menschen in ihrem Alltag unterstützen, sondern auch, indem sie ihnen überall dort zu Hilfe eilen, wo es schnell brandgefährlich werden kann, etwa bei Unfällen in Chemieanlagen. Wanka: „Wir brauchen Roboter, die für uns buchstäblich durchs Feuer gehen können."

Von staatlicher Förderung auf EU-Ebene profitiert hat in der Vergangenheit bereits ein Unternehmen, das in Deutschland wie kein zweites für den Aufbruch in das neue Maschinen-Zeitalter steht: der Roboterspezialist Kuka aus Augsburg. Seit Vorstandschef Till Reuter 2009 dort das Ruder übernahm, legte der Umsatz um 300 Prozent zu, die Marktkapitalisierung sogar um sagenhafte 1.800 Prozent. Stolze Kennzahlen, die keinen Zweifel daran lassen, wohin die Reise geht: noch mehr Automation, noch mehr Vernetzung, noch mehr intelligente Maschinen. „In Europa kostet eine Roboterstunde heute fünf Euro, die Stunde eines Arbeiters dagegen 45 Euro und mehr", sagt Kuka-Chef Reuter. „Nur über einen vernünftigen Mix zwischen Roboter und Mensch werden wir weltweit wettbewerbsfähig bleiben."

Das mag auch erklären, weshalb um die Zukunft des Augsburger Unternehmens in jüngster Zeit so erbittert gerungen wurde. Dürfen die Politiker tatenlos zusehen, wenn ein Technologieführer dieses Formats in chinesische Hände gerät? Droht dem Industriestandort dadurch nicht großer Schaden?

Nein, entschieden die Kuka-Großaktionäre Anfang Juli – der Maschinenbauer Voith (25,1 Prozent) und der Unternehmer Friedhelm Loh (10 Prozent). Sie verkauften ihre Anteile an den chinesischen Hausgeräte-Hersteller Midea, der nach Ablauf der Übernahmefrist jetzt mehr als 90 Prozent an dem Unternehmen hält. Für Vorstandschef Reuter eine richtige Entscheidung. „Der Wachstumsmarkt für die nächsten Jahre wird China sein", sagt er. Dort könne Kuka mit dem neuen Mehrheitseigner im Rücken nur profitieren.

Ob in China oder Europa, die Roboter sind überall auf dem Vormarsch, selbst auf den Fluren der Finanzbranche. Dass Computer im Hochfrequenzhandel Wertpapiere in Mikrosekunden kaufen und verkaufen, ist seit Jahren gängige Praxis. Doch die möglichen Anwendungsgebiete reichen bereits sehr viel weiter.

So hat Hendrik Leber, Chef der Frankfurter Vermögensverwaltung Acatis, unter dem Namen „Quantenstein" ein Projekt gestartet, dass in seiner Branche bisher ziemlich einzigartig sein dürfte. Er will die Künstliche Intelligenz nun auch für die Anlageentscheidungen selbst nutzbar machen. „Wir wollen mit Hilfe der Maschinen außergewöhnliche Muster an den Börsen identifizieren", sagt er. Unabhängig von ihrem Schöpfer, selbsttätig und selbstlernend, sollen die Maschinen Muster und Zusammenhänge aufspüren, auf die ein Mensch nicht so leicht kommen würde.

Terminators Bruder:
Atlas ist ein von dem Unternehmen Boston Dynamics entwickelter humanoider Roboter, der in Katastrophenfällen zum Einsatz kommt. Wo Menschen nicht überleben können, soll er für sie buchstäblich durchs Feuer gehen.

Foto: Getty Images / Ann Hermes

Das hört sich vielleicht ein bisschen mysteriös an, hat in Lebers Praxis aber schon zu erstaunlichen Resultaten geführt – etwa bei der Bewertung der Apple-Aktie. Anders als der Mensch hat die Maschine das Unternehmen nicht wie üblich unter die Technologiekonzerne sortiert, sondern aufgrund sich ähnelnder Muster der Luxusgüterindustrie zugeordnet. „Das hat dazu geführt, dass wir über Apple noch einmal ganz neu nachgedacht haben", sagt Leber. „Schließlich traut man einem Hersteller von Luxusprodukten weniger Innovationskraft und Kurspotenzial zu als einem Technologiekonzern."

Diese neuen, überraschenden Perspektiven sind es denn auch, die KI-Experten gerne anführen, wenn sie den Vorsprung durch Technik rühmen. Ein geflügeltes Wort unter ihnen lautet, dass sich die Rechnerleistung der Computer seit den 1970ern Jahrzehnt für Jahrzehnt verhundertfacht hat, während das menschliche Gehirn noch immer das alte ist. „Bald wird der Moment kommen, an dem wir nicht mehr unterscheiden können, ob uns ein Computer oder ein Mensch antwortet", sagt etwa Telekom-Chef Timotheus Höttges. „Der für uns wahrnehmbare Unterschied zwischen Computer und Mensch bei dem, was wir Denkvermögen nennen, wird in Kürze aufgehoben sein."

Wann genau „in Kürze" eintritt, ist allerdings noch mächtig umstritten. Denn auch wenn die Computer mittlerweile Schach- und Go-Weltmeister schlagen können, sind sie dem Menschen noch immer deutlich unterlegen. Selbst der Star im Roboter-Sortiment von Kuka, von der „Zeit" kürzlich zum „Mitarbeiter des Monats" gekürt, weil er anders als herkömmliche Maschinen mit dem Menschen Hand in Hand zusammenarbeiten kann, ist noch ein rechter Tölpel.

Zwar arbeitet KMR iiwa 14 (die Abkürzung steht für „Kuka Mobile Robot, intelligent industrial work assistant") ohne Lohn zwei Schichten durch und kann Handgriffe mit der Präzision von 0,1 Millimetern ausführen, doch bis er eine Schraubenbox als solche identifiziert hat, hätte sich jeder Laufbursche schon längst drei oder vier Schachteln gepackt.

Immerhin: Einer der KMR-Roboter kann noch etwas mehr, als Menschen bei der Arbeit zu assistieren. Auf Messeständen und Aktionärsversammlungen wie Ende Mai ist er als Entertainer im Einsatz und schenkt Bier aus. Er ist auch der einzige Roboter, dem die Kuka-Mitarbeiter bisher einen Spitznamen gegeben haben: „Bier-Pauli" nennen sie ihn.

 

 

Foto (Ausschnitt) oberer Bildrand: Getty Images/Oliver Burston