Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Interview

... war die Wiesn früher schöner?

Als waschechter Münchner spricht er von der „Wiesn“, wenn er vom Oktoberfest erzählt: Florian Dering, promovierter Volkskundler und der vielleicht profundeste Kenner des größten Bierfestes der Welt. Wir sprachen mit ihm über Tradition und Trachtenwahn
von Ute Klein

Sagen Sie mal, Herr Dering ... war die Wiesn früher schöner?

Ach was. So jammern alte Leute, dass früher alles schöner war. Für mich ist die Wiesn eine Festivität, die sich permanent wandelt. Und der bei allem Wandel Faktoren zugrunde liegen, die seit über 200 Jahren gleich sind und zum Erfolg des Oktoberfestes maßgeblich beitragen.

Welche Erfolgsfaktoren sind das?

Zum Beispiel, dass die Stadt München seit 1810 dieses Fest an der gleichen Stelle feiert. Auf der Theresienwiese, also auf der Wiesn, wie der Münchner sagt. Das ist eine große innerstädtische Fläche, die im Besitz der Stadt ist und damit quasi unantastbar. Außerdem ist die Stadt seit 1819 der Festveranstalter und steuert damit die Entwicklung dieses Volksfestes, das sich auch als internationales Großereignis immer noch münchnerisch-bayerisch präsentiert.

Was ist mit dem Erfolgsfaktor Bier?

Klar ist das Image der Wiesn stark mit dem Bier verbunden. Warum ist dieses Fest denn weltweit berühmt? Doch auch deshalb, weil sich das niemand vorstellen kann: Ein Zelt mit 8.000 Gästen, eine Kapelle spielt, und jeder hat dieses Riesengefäß in der Hand, aus dem man einen Liter Bier trinkt. Für uns mag das einfach eine Maß Bier sein. Aber für viele ist das eine unvorstellbare Menge an Getränk. Wo, bittschön, kriegen Sie irgendwo weltweit so einen Kübel hingestellt? Historisch betrachtet, bedeutet das: Das Oktoberfest funktioniert eben auch über diesen Exzess. Das muss man nicht beschönigen. Ein Oktoberfest ohne Bier geht nicht. Sie können aus der Wiesn kein Limonadenfest machen.

War das Oktoberfest schon immer ein Bierfest?

Nein, das beginnt erst in den 1890er-Jahren. Unabhängig vom Oktoberfest wird München mit dem Anwachsen seiner Brauereien und deren Export berühmt als Bierstadt. Auf dem Oktoberfest baut der Festwirt Georg Lang aus Nürnberg 1898 das erste Riesenzelt für bis zu 6.000 Personen. Und Lang setzt auf Musik. Auf eine Kapelle, die – in einer Zeit ohne Verstärker – so ein großes Zelt in den Griff kriegen musste. Damit beginnt die Entwicklung, die wir heute als typische Wiesn-Stimmung oder Bierzelt-Stimmung empfinden und die das Fest als Münchner Bierfest berühmt gemacht hat. Dieser Georg Lang hat übrigens auch den Begriff „Oans, zwoa, drei, g’suffa" erfunden.

Aber da war das Oktoberfest schon eine feste Größe, oder?

Angefangen hat alles mit der Hochzeit von Kronprinz Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen am 12. Oktober 1810. Bayern war 1806 Königreich geworden. Ein großes identitätsstiftendes Volksfest, ein Nationalfest aller Bayern, in der Haupt- und Residenzstadt München, kam dem Haus Wittelsbach da gerade recht. Zum Abschluss gab’s ein Pferderennen auf der nach der Braut benannten Theresienwiese. Die bot vor den Toren der Stadt ein optimales Gelände, weil sie flach auf das ehemalige Eiszeit-Hochufer der Isar zulief. Dieses Hochufer nutzte man als Tribüne für die 50.000 Zuschauer des Rennens. Bis heute hat die Festwiese ihre ovale Form behalten. Pferderennen gab es bis 1913.

Ab wann hat das Oktoberfest seine weltweite Sogwirkung entfaltet?

Nach den 1960er-Jahren. Zuvor hat das Münchner Tourismusamt noch ganz gezielt im Ausland über Plakate Reklame für das Oktoberfest gemacht und damit die Marke „Oktoberfest" etabliert. Mit durchschlagendem Erfolg.

Heute gibt es auf dem Oktoberfest auch die sogenannte Oide Wiesn. Will man damit zurück zu den Anfängen?

Ursprünglich sollte es 2010 zum 200-jährigen Jubiläum des Oktoberfestes einmalig eine „Historische Wiesn" geben. Wegen des großen Erfolges wurde sie dann als „Oide Wiesn" als ständige Attraktion etabliert. Die Idee der Oiden Wiesn ist eine Art Entschleunigung – aber ohne den wehmütigen Blick zurück und ohne Kritik an der großen Wiesn. Es geht dort einfach ruhiger zu. Man kann tanzen. Und bayerische Trachtenvereine und Gebirgsschützenformationen finden hier ein Forum. Sie können sich in der Landeshauptstadt präsentieren.

Wer geht auf die Oide Wiesn?

Sehr viele Münchner. Viele ältere Leute. Und viele, die nicht mehr rausgegangen sind auf die Wiesn, weil ihnen dort zu viel Trubel herrschte. Das heißt, der großen Wiesn ist kein Potenzial entzogen worden. Im Gegenteil – viele haben das Oktoberfest wiederentdeckt. Und wer auf die große Wiesn abonniert ist, der würde auf der Oiden Wiesn ja gar nicht finden, was er erleben will. Damit hat beides seine Berechtigung.

Was sagen Sie zum Trachten-Boom?

Schön. Das hat ja eigentlich als eine Art Jugendbewegung begonnen. Ab dem Jahr 2000 entdeckten plötzlich die Jugendlichen das Oktoberfest für sich und strömten in die Zelte – die Frauen in Dirndln und die Männer in Lederhosen. Das finde ich wunderbar. Es ist hübsch anzuschauen, und die jungen Leute dokumentieren damit ihre Identifikation mit der Stadt und mit dem Fest. Und auch alle die, die nicht aus München kommen, ziehen Tracht an, weil sie Teil des Ganzen werden wollen. Sie gehen damit auf in dem Fest und sind nicht mehr so fremd.

Aber das Oktoberfest war nicht immer ein Fest der bayerischen Tracht?

Wenn Sie ältere Fotos anschauen, sehen Sie ganz wenige in Trachtenkleidung. Die in Tracht, das waren früher die Besucher vom Land oder die vom Zentralen Landwirtschaftsfest, das seit 1811 zeitgleich mit dem Oktoberfest stattfand, anfangs jedes Jahr, mit abnehmender Bedeutung der Agrarwirtschaft in Bayern nur noch alle vier Jahre.

Gibt es etwas, was Sie bedauern an der Entwicklung der Wiesn?

Schade finde ich diese Gier nach einem Platz im Zelt. Dass es so zum Image gehört, irgendwo reinzukommen. Dadurch verliert das Fest seine Gelassenheit. Sie können nicht mehr zu jemandem sagen: Ich sitze da oder dort, komm vorbei. Sie ergattern sich mit vorheriger Reservierung und mit finanziellem Aufwand einen Platz im Zelt, sind dann in diesem Riesenkäfig und gehen nicht mehr raus, denn es könnte ja sein, dass Sie nicht mehr reinkommen. Außerdem ist der Konkurrenzdruck auf der Wiesn für die Wirte und Schausteller sicher härter geworden mit den Jahren, weil das Oktoberfest als Wirtschaftsfaktor so spannend ist. Ein Haifischbecken war die Wiesn schon immer. Aber die Haie sind gefräßiger geworden.

Also doch ein wehmütiger Blick zurück?

Nein. Ein Fest in seiner Veranstaltungsform darf nicht erstarren, das muss sich weiterentwickeln. Das gilt für den Bierzelt- wie auch für den Schaustellerbereich. Es wäre ja furchtbar, wenn alles nur Krinoline wäre, also ein altes Karussell. Die Kunst besteht darin, auf der einen Seite auf Bewährtes zu setzen, auf traditionelle, gewachsene Strukturen, und auf der anderen Seite die Eigendynamik, die ein Fest entwickelt, nicht aus dem Blick zu verlieren und gegebenenfalls mit einer Gegenbewegung zu reagieren.

 

Foto (Ausschnitt) oberer Bildrand: Michael von Hassel