Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Ausblick

Klein-Britannien

Warum die Engländer sich mit dem Brexit selbst am meisten schaden, wohin die Türkei unter Erdogan driftet – und weshalb der DAX auch weiterhin Achterbahn fahren dürfte.

8 Wochen nach dem Putschversuch in der Türkei droht auch die Einigung in der Flüchtlingskrise zu zerbrechen.

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Entscheidung am Bosporus: Bleibt die Türkei ein verlässlicher Partner in der Flüchtlingsfrage?

Die Geschwindigkeit, mit der sich die Türkei politisch von der EU entfernt, hat sich dramatisch erhöht. Spätestens nach dem gescheiterten Putschversuch, den anschließenden Säuberungsaktionen und der anstehenden Überführung des Landes in eine Art Präsidialdiktatur ist ein Beitritt des Landes zur EU illusorischer denn je. Trotzdem besteht auf beiden Seiten das Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit fort.

Während die Türkei im Außenhandel und insbesondere beim benötigten Kapitalimport von der EU abhängt, sind die Mitgliedsstaaten beim Thema Flüchtlingskrise auf Präsident Erdogan angewiesen. Der sollte aufgrund der sich abschwächenden Konjunktur in seinem Land eigentlich kein Interesse an einer ungebremsten Eskalation in den Beziehungen haben. Aber da wirtschaftliche Rationalität bei Erdogan derzeit nur eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint, sehen wir die Gefahr, dass der Flüchtlingsdeal aufgekündigt werden könnte. Spätestens wenn die EU ihrerseits mit Sanktionen im Waren- und/oder Kapitalverkehr auf die Situation in der Türkei reagiert, ist mit einem Ende der Kooperation in der Flüchtlingsfrage zu rechnen.

24% betrug die Schwankungsbreite im Dax zwischen Dezember und Juli.

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Aktien auf Achterbahnfahrt: Wie viele Loopings kommen noch?

Die Händler am Aktienmarkt haben den Schock des Brexit-Votums schnell verdaut. Nach kräftigen Kurseinbrüchen unmittelbar nach dem Referendum legten die Indizes wieder deutlich zu. Allein der DAX erreichte nach vier Wochen mit rund 10.200 Punkten in etwa wieder das Niveau von unmittelbar vor dem Referendum.

Die Achterbahnfahrt der Kurse, die den DAX seit Anfang Dezember 2015 zwischen 11.430 und 8.699 Punkten hat schwanken lassen, dürfte damit aber noch nicht beendet sein. In dem von uns erwarteten Szenario einer spürbaren Konjunkturabschwächung in Europa droht die Gefahr, dass die Kurse erneut unter Druck geraten. Wegen der politischen Risiken und der in der Folge möglicherweise gedämpften Gewinnerwartungen der Unternehmen sehen wir den DAX auf Sicht der nächsten Monate weiter innerhalb seiner Bandbreite des ersten Halbjahres schwanken – neue Loopings eingeschlossen.

0,5 % Punkte Wachstum kostet das Votum der Briten, Europa zu verlassen.

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Brexit und die Folgen: Wie schmerzhaft wird die Trennung?

Die neue britische Premierministerin Theresa May hat angekündigt, gegen Jahresende den Ausstieg aus der EU offiziell einzuleiten. Damit haben sich die Resthoffnungen über einen Exit vom Brexit wohl erledigt. Ökonomisch dürfte die Trennung vor allem das Königreich teuer zu stehen kommen, aber auch in den restlichen EU-Ländern trüben sich die Perspektiven etwas ein. Die von uns erwartete Rezession in UK wird das Wachstum im gesamten Euro-Raum in den kommenden zwei Jahren um rund 0,5 Prozentpunkte bremsen. Negative Effekte auf das europäische Bankensystem und ein damit verbundener Anstieg der Finanzierungskosten dürften zusätzlich belasten. Mit Ausfall des drittgrößten Nettobeitragszahlers der EU könnte es darüber hinaus zu Kürzungen in den Budgets kommen, was vor allem die Länder im Osten hart treffen dürfte. Das allergrößte Risiko allerdings besteht darin, dass sich die Unternehmen wegen der politischen Unwägbarkeiten mit ihren Investitionen zurückhalten könnten, sowohl auf dem Kontinent als auch auf der Insel selbst. Ganz ohne Schmerzen wird die Trennung deshalb auch für die verbliebenen EU-Staaten nicht abgehen.

30 Jahre arbeitet Italien nun schon an einer Verfassungsreform zur Verschlankung des Staatsapparates, über die das Land im Herbst abstimmt.

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Bail-in und Bail-out: Wer blickt da eigentlich noch durch?

Eine Lehre aus der Finanzkrise lautet: Banken sollen nicht durch Steuergelder gerettet werden. Um eine EU-weit einheitliche Regelung zu erzielen, wurde dieser Grundsatz in der Bankenabwicklungsrichtlinie festgeschrieben. Statt staatliche Mittel einzuschießen (Bail-out), müssen Investoren und Gläubiger die anfallenden Verluste selbst tragen (Bail-in). Nur im Ausnahmefall soll ein von den Banken selbst zu füllender Rettungsfonds einspringen. Allerdings nennt die Richtlinie noch eine weitere Ausnahme: Sollte die Stabilität des Finanzsystems im Ganzen bedroht sein, darf auch der Staat weiterhin eingreifen. Hierauf beruft sich nun die italienische Regierung, die Verluste für die Gläubiger unbedingt vermeiden will und das Bail-in-Prinzip für ihre Banken aussetzen möchte. Bei den Gläubigern handelt es sich um viele Privatkunden (also Wähler), die aus steuerlichen Gründen und wegen der höheren Rendite statt auf ausfallgeschützte Einlagen auf Bankanleihen gesetzt haben. Das politische Kalkül ist ziemlich offensichtlich: Wichtigen Wählergruppen soll vor dem im Herbst anstehenden Verfassungsreferendum ein Geschenk gemacht werden. Das geht nicht nur zu Lasten des Steuerzahlers, sondern gefährdet auch die Glaubwürdigkeit der neuen Bankenabwicklungsrichtlinie als solche. Im aktuellen Fall Monte dei Paschi wurden private Kapitalanleger gefunden – ihren grundsätzlichen Standpunkt behält die italienische Regierung aber bei.