Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Unternehmen & Management

Weißwurst mit Stäbchen

Im Osten geht nicht nur die Sonne auf, sondern auch das Portemonnaie. Reihenweise kaufen chinesische Konzerne deutsche Mittelständler auf. Stellt sich nur die Frage, wie sich das für die Betroffenen anfühlt. Antwort: Überraschend gut.
von Olaf Butterbrod

Die Chinesen machen drei Mal im Jahr Urlaub – jeweils sieben Tage lang und alle gleichzeitig. Wenn sie in diesen „Goldenen Wochen", wie der Kollektivurlaub im Reich der Mitte genannt wird, nach Deutschland reisen, dann bevorzugt in Städte wie Berlin, Heidelberg oder auch Trier – den Geburtsort von Karl Marx.

Doch neuerdings verschlägt es die Asiaten abseits ihrer Urlaubstage in ganz andere Regionen, wenn sie mal wieder auf Deutschlandbesuch sind – etwa ins nordrhein-westfälische Heiligenhaus oder auch ins niedersächsische Helmstedt. Dort haben der Automobilzulieferer Kiekert und der Abfallkonzern EEW ihre Firmensitze. Zwei Unternehmen von Rang und Namen, Mittelständler mit langer Tradition und beide mittlerweile in chinesischem Besitz.

Und das sind bei Weitem nicht die einzigen Unternehmen, die in jüngster Zeit von Investoren aus Fernost aufgekauft wurden. Auch die Privatbank Hauck & Aufhäuser (Kaufpreis: 200 Millionen Euro) und der Spezialmaschinenbauer Kraus-Maffei (925 Millionen Euro) gehören heute Großkonzernen aus dem Reich der Mitte.

China will nicht verlängerte Werkbank des Westens sein

Foto: Camillo Büchelmeier

„Chinesische Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren zu einer wichtigen Käufergruppe auf dem internationalen Transaktionsmarkt entwickelt", sagt Yi Sun, Partnerin bei Ernst & Young Deutschland. „Sie sind inzwischen immer öfter in Megadeals involviert und zahlen Milliardensummen für europäische Konzerne. Im Zentrum des Interesses steht dabei – zumindest bei Industrieunternehmen – eindeutig Deutschland."

Das erklärt sich aus zwei Gründen. Erstens: „Das Wirtschaftswachstum in China ist nach 25 Jahren hoher zweistelliger Pluszahlen nun merklich abgekühlt", sagt Christian Sommer, Asien-Experte und CEO des German Centres in Shanghai, einer Tochtergesellschaft der BayernLB. „Organisches Wachstum ist im Land selbst nicht mehr oder nur noch begrenzt möglich. Deshalb sind die Chinesen jetzt weltweit auf der Suche nach lukrativen Anlageformen, vor allem im Unternehmenssektor."

Zweitens hat die Regierung erst voriges Jahr die Strategie „Made in China 2025" ausgerufen. Erklärtes Staatsziel ist seitdem, das Land zu einem Technologiestandort erster Güte zu entwickeln – vorzugsweise mit Know-how aus Europa. Mit großzügigen Krediten unterstützen die Staatsbanken die Konzerne deshalb bei ihren Auslandsinvestitionen und fördern so die Investitionen in Zukunftstechnologien. „China will nicht mehr nur die verlängerte Werkbank des Westens sein", sagt Ernst & Young-Expertin Sun. Die Unternehmen wollten die Wertschöpfungskette endlich selbst hochklettern, also nicht nur Stahl produzieren, sondern auch die Autobleche, die man daraus fertigen kann.

Marktchancen wechselseitig entwickeln und nutzen

Müssen wir also um unseren Technologievorsprung bangen? Geht es der Buy Society aus Fernost nur darum, sich das hiesige Ingenieurswissen anzueignen, Fertigungsverfahren zu kopieren und die Preziosen der deutschen Wirtschaft dann fallenzulassen? Werden Arbeitsplatzverluste und Produktionsverlagerungen im großen Stil die Folge sein?

Die Angst ist bei Beschäftigten und Betriebsräten ein verlässlicher Begleiter, fast immer, wenn die Chinesen einen neuen Übernahmeversuch starten. Nur berechtigt ist diese Angst in den seltensten Fällen. Ziel der Investoren sei es nicht, „Wissen abzusaugen", sagt China-Experte Thomas Heck von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC. Denen geht es vielmehr darum, die deutschen Unternehmen und ihre Produkte nach China zu bringen – eine klassische Win-win-Situation also.

Eine Erfahrung, die Gordon Riske, CEO der Kion Group in Wiesbaden, schon hinter sich hat. Vor vier Jahren kaufte sich der chinesische Konzern Weichai Power mit 467 Millionen Euro zu 25 Prozent bei dem Gabelstapler-Hersteller ein, „in erster Linie als strategischer Ankerinvestor, der an das Potenzial glaubt, das in Kion steckt", erinnert sich Riske. Im Jahr nach dem Börsengang, 2013, stiegen die Chinesen zum größten Aktionär des Konzerns auf und halten mittlerweile 38,3 Prozent.

Dem Unternehmen hat der Rückenwind aus China merklich gutgetan. Im vergangenen Jahr legte Kion hervorragende Umsatz- und Gewinnzahlen vor und ist heute Marktführer für Gabelstapler in Europa und die Nummer zwei in der Welt, gleich hinter Toyota. „Die Partnerschaft hat sicher einen gewissen Vorbildcharakter", sagt Riske. „Hier geht es tatsächlich darum, Marktchancen in Asien und Europa wechselseitig zu entwickeln und besser zu nutzen."

Der chinesische Partner schätzt deutsche Qualität, deutsche Wertarbeit und deutsche Ausbildung. „Davon wollen sie lernen", sagt Riske. Und umgekehrt? „Stärkt die Zusammenarbeit mit einem der größten Maschinenbauer der Welt unsere Markenpräsenz in China und Asien." Also tatsächlich eine klassische Win-win-Situation.

Lange Leine

Dafür, dass die Partnerschaft nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich funktioniert, hat Kion allerdings frühzeitig die Basis gelegt. Etwa mit interkulturellen Trainings für die Mitarbeiter, um ihnen Gegenwart, Geschichte und Kultur Chinas näherzubringen. Riske: „Es ist wichtig, die Kulturen, mit denen man zusammenarbeitet, zu verstehen."

Dass die Angst vor den Investoren aus Fernost unbegründet ist, zeigt auch das Beispiel Putzmeister. 2012 übernahm der chinesische Konkurrent Sany den baden-württembergischen Betonpumpenherstelle. Die verunsicherte Belegschaft fürchtete zunächst, dass Sany Teile der Produktion nach China verlagern könnte und ging mit einigem Getöse auf die Barrikaden. Und heute? Die Rückschau zeigt, dass Sany ein ganz normaler Investor ist, sogar ein ziemlich beliebter. Als eine der ersten vertrauensbildenden Maßnahmen stimmten die Chinesen mit der IG Metall den Schutz vor verkaufsbedingten Kündigungen ab, sprachen eine Standortgarantie bis 2020 aus und verpflichteten sich, die Montage und Fertigung der Betonpumpen in Deutschland zu belassen. „Die Leine ist noch länger, als ich zu Beginn dachte", sagte damals Norbert Scheuch, der als damaliger Vorstandschef die ersten Gespräche mit den Chinesen führte.

Studie bestätigt positive Erfahrungen mit Investoren aus BRICS-Staaten

Und auch für Kiekert gab es ein Leben danach. Danach, das war in diesem Fall ebenfalls 2012, als der Pekinger Industriekonzern North Lingyun Industrial den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme und Erfinder der Zentralverriegelung in Heiligenhaus übernahm. Zuvor gehörte das Unternehmen dem Finanzinvestor Permira, der den Autozulieferer mit hohem Schuldendienst in arge Bedrängnis gebracht hatte. Erst unter der Ägide der Chinesen eröffnete sich für das Traditionsunternehmen wieder eine Perspektive. Kiekert konnte an seine früheren Erfolgsjahre anknüpfen und erwirtschaftete voriges Jahr 825 Millionen Euro Umsatz – gut 60 Prozent mehr als im Jahr vor der Übernahme durch Peking.

Diese äußerst positiven Erfahrungen mit Investoren aus den BRICS-Staaten, wie sie Kion, Putzmeister oder eben auch Kiekert machten, sind die Regel und nicht die Ausnahme. Das bestätigt eine von der Hans-Böckler-Stiftung finanzierte Studie zum Thema, für die Wirtschaftsgeografen der Universität Osnabrück, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Beratungsgesellschaft Project Consult 136 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen befragten. „Wenn man irgendwo etwas langfristig erreichen will, verhält man sich nicht wie der Elefant im Porzellanladen, sondern geht vorsichtig mit dem um, was da ist, und versucht, vom Bestehenden zu lernen", sagt Martin Franz, einer der Projektleiter. Unterm Strich zeigten sich die Investoren aus dem Reich der Mitte bislang jedenfalls kooperativer als viele Finanzinvestoren.

Feindbild verloren

Asien-Experte:
Christian Sommer, CEO des German Centres in Shanghai, eine Tochtergesellschaft der BayernLB
Foto: BayernLB/Lei

Zudem konstatiert die Studie, dass sich in praktischen Fragen der Mitbestimmung, beim Umgang mit Gewerkschaften und beim Arbeitsklima durch die neuen Eigentümer nichts geändert habe. „In den Unternehmen, die vorher in finanzieller Schieflage waren, ist das Klima sogar entspannter geworden, weil es wieder eine Zukunftsperspektive gibt", sagt Franz. In anderen Unternehmen seien die Beschäftigten zwar erst verunsichert gewesen, dann hätte sich die Haltung aber ins neutral Sachliche gewandelt. „Große Veränderungen wurden meist gar nicht festgestellt."

Diese Beobachtung teilt auch Christian Sommer von German Centre Shanghai. „Es ist keinesfalls so, dass chinesische Investoren die übernommenen Unternehmen aussaugen und die leere Hülle dann einfach wegwerfen. Ganz im Gegenteil – die Chinesen wollen lernen und setzen dabei auf Bestehendes", sagt er. Anders übrigens als so manche US-Investoren, die nach seiner Beobachtung „gern mit einem komplett neuen Management anrücken und das gesamte Unternehmen erst einmal auf den Kopf stellen."

Ein in der Studie der Hans-Böckler-Stiftung befragter Betriebsrat bringt das Ergebnis vielleicht am besten auf den Punkt. Hatte er mit dem deutschen Besitzer zuvor keine gemeinsame Basis gefunden, sei die Zusammenarbeit mit der neuen ausländischen Geschäftsführung nun völlig anders. Die Erkenntnis des Betriebsrates: „Wir haben ein Feindbild verloren."

Foto oberer Bildrand: Camillo Büchelmeier