Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Unternehmen & Management

Omnicare

Die Omnicare Pharma GmbH ist ein äußerst erfolgreiches Kooperationsunternehmen von rund 50 Apotheken in Deutschland. Wir sprachen mit Geschäftsführer Oliver Tamimi über seine jüngste Firmenübernahme, seinen Kampf gegen den Krebs – und was Patienten wirklich hilft
von Ute Klein

"Wir sind nie mit uns zufrieden."

Zum Wohle des Patienten:
Omnicare-Geschäftsführer Oliver Tamimi ist davon überzeugt, dass sein Medikamenten-Versorgungskonzept das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis stärkt.
Foto: Elias Hassos

Apotheker gründen eine Pharmafirma – nicht gerade alltäglich, oder?

In der Form wie wir das 2012 gemacht haben sicherlich nicht, aber es zeigt, dass die vielschichtigen Veränderungen im Gesundheitsbereich auch eine Antwort auf Unternehmensseite erzwingen. Jährlich erkranken rund 500.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs. Aufgrund der demografischen Entwicklung rechnen wir bis zum Jahr 2030 mit einem Anstieg der Krebsneuerkrankungen um rund 20 Prozent. Gleichzeitig ändern sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen in immer kürzeren Intervallen. Unser Gesundheitssystem ist reguliert, sehr komplex und es gibt viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen am Markt. Insofern war die Zeit einfach reif für Omnicare.

Erklären Sie uns bitte das Besondere an Ihrem Konzept.

Omnicare ist ein ganzheitlicher und starker Partner in der medikamentösen Versorgung von Krebspatienten. Wir haben in Deutschland ja eine europaweit einzigartige Situation. Krebspatienten können bei uns stationär oder ambulant behandelt werden. Auf diesen ambulanten Bereich konzentrieren wir uns, weil wir davon überzeugt sind, dass es für den Patienten oftmals besser ist, in dieser für ihn äußerst schwierigen Situation einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, also den freiberuflichen Onkologen, der ihn behandelt. Jeder, der in der Familie schon mal einen Krebspatienten hatte, der über längere Zeit therapiert werden musste, weiß die Vorteile dieser Versorgungsart zu schätzen.

Welche Vorteile meinen Sie genau?

Bei der ambulanten Versorgung muss niemand mehr in die weit entfernte Klinik fahren. Kurze Wege machen auch kurzfristig notwendige Therapieanpassungen einfach und schneller möglich. Der behandelnde Arzt unterhält seine Praxis in der Nähe des Patienten, ist für ihn per Handy erreichbar und stellt alles in allem eine Vertrauensperson dar, die im stationären und anonymeren Klinikalltag oft vermisst wird. Dieses persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis wollen wir stärken und unterstützen, indem wir die medikamentöse Versorgung der Krebspatienten vor Ort sicherstellen. Und zwar menschen- und wohnortnah. Für den niedergelassenen Onkologen bedeutet die Verlässlichkeit und Qualität in der Versorgung durch unsere Partnerapotheken den Gewinn eines ganz wesentlichen Faktors – mehr Zeit für den Patienten.

Krebswachstum:
Aufgrund der demografischen Entwicklung rechnen Experten allein in Deutschland mit einem Anstieg der Neuerkrankungen bis zum Jahr 2030 um rund 20 Prozent.
Foto: STEVE GSCHMEISSNER/SPL/Agentur Focus

Das heißt, Omnicare ist weit mehr als nur eine Pharmafirma in Apothekerhand?

Ein kleiner Teil von Omnicare ist tatsächlich ein pharmazeutischer Hersteller. Wir stellen Generika her, also Arzneimittel, deren Patente ausgelaufen sind. Aktuell verfügen wir über elf Zulassungen für flüssige Zytostatika. Denn unserem Anspruch, höchstmögliche Qualität für die Patienten zu liefern, können wir natürlich am besten genügen, wenn wir ein Produkt selbst herstellen. Darüber hinaus kaufen wir als marktführender Spezialgroßhandel in Deutschland aber selbstverständlich auch patentgeschützte Arzneimittel bei den großen Pharmaunternehmen ein, etwa bei Roche oder Novartis.

Und diese Medikamente erhalten die Patienten bei den an Omnicare beteiligten Apothekern dann auf Rezept?

So einfach läuft es in der Praxis nicht. Denn das eine, allumfassende Krebsmedikament gibt es nicht. Die Patienten werden in onkologischen Praxen behandelt und bekommen dort eine individuell auf sie zugeschnittene parenterale Therapie. Dieses nach bestimmten Formeln speziell abgestimmte Präparat wird von den beteiligten Apothekern hergestellt. Und zwar unter extrem hohen Anforderungen in Reinraumumgebung. Wir liefern also nicht direkt an die Patienten, sondern an die onkologischen Praxen, in denen sie ihre Infusionen erhalten.

Klingt nicht gerade einfach, aber erfolgreich.

Ich glaube, der Wille zur ständigen Verbesserung macht einen großen Teil unseres Erfolgs aus. Unsere DNA ist, dass wir nie mit uns zufrieden sind. Wenn wir heute über das marktführende Netzwerk in Deutschland verfügen, dann auch deshalb, weil wir von Anfang an auf Partner verzichtet haben, die unsere hohen Qualitätsanforderungen nicht erfüllen. In den ersten Jahren haben wir extrem viel Geld in den Aufbau der Struktur und der Produkte investiert. Jetzt, nach vier Jahren, zeigt sich, dass unsere Strategie richtig war. Haben wir 2012 gerade mal 180 Millionen Euro umgesetzt, wollen wir dieses Jahr schon 650 Millionen schaffen.

Diesen Schub verdanken Sie aber vor allem der Übernahme des Konkurrenten Megapharm, immerhin ein Unternehmen mit 380 Millionen Euro Umsatz.

Natürlich, das macht den größten Batzen aus. Aber Wachstum verzeichnen wir in allen unseren Bereichen. Durch die Akquisition von Megapharm, die wir im November vorigen Jahres mit einer BayernLB-Finanzierung abgeschlossen haben, konnten wir den nächsten wichtigen Schritt unternehmen, um die Versorgungssicherheit für Krebspatienten in ambulanter Therapie noch weiter zu erhöhen. Mit der Übernahme sind wir heute auch Eigentümer einer Spezialsoftware namens megaMANAGER. Ein unverzichtbares Tool zum Betreiben und Steuern einer onkologischen Praxis.

Unter Reinraumbedingungen:
Die Herstellung der Medikamente unterliegt bei Omnicare höchsten Qualitätsanforderungen.
Foto: Getty Images

Was verbirgt sich dahinter?

Zunächst einmal muss man wissen, dass wir hier über einen relativ kleinen, aber für uns hoch interessanten Markt sprechen. Es gibt in Deutschland ungefähr 450 hämatologische und onkologische Praxen und ein paar Hundert Kliniken, die ebenfalls onkologisch tätig sind. Dafür eine eigene, hochkomplexe Software zu entwickeln, ist für die großen Anbieter total uninteressant. Doch wenn ich heute als Arzt eine Praxis mit 500 Krebspatienten pro Quartal habe, dann brauche ich genau eine solche Software für die Therapieplanung und Patientendokumentation. Der gesamte Bestellprozess, der höchstsensibel ist und vielerorts noch auf Papier abgewickelt wird, lässt sich mithilfe unserer Software elektronisch erledigen. Um den strengen regulatorischen Anforderungen hinsichtlich der Datensicherheit gerecht zu werden, beschäftigen wir ein externes Datenschutzunternehmen. Das schafft Transparenz und Sicherheit. Unser megaMANAGER, für den bei uns heute 14 Vollzeitkräfte arbeiten und der inzwischen in mehr als 100 Praxen und Kliniken im Einsatz ist, wird von uns deshalb kontinuierlich optimiert, auch im Austausch mit den Arztpraxen. Im Kern geht es also um eine Art Schnittstelle zwischen Onkologe und Apotheke.

Das heißt, Omnicare bringt eigentlich nur zusammen, was zusammengehört?

So in etwa könnte man das formulieren. Auf jeden Fall haben wir ein flächendeckendes Netzwerk von an uns beteiligten Apotheken, Partnerapotheken und Onkologen geschaffen. Genau diese Ressource der Partner in der Fläche brauchen wir, um das Wissen aller Beteiligten zu nutzen und unseren Versorgungsprozess ständig zu verbessern. Wir befinden uns ja in einem hoch regulativen Bereich, wo wir sehr unterschiedliche Stufen des Gesundheitswesens berühren, vom pharmazeutischen Unternehmer bis hin zur onkologischen Praxis. Wir versuchen, alle Akteure dieser Kette zu integrieren und die jeweils besten Lösungen zu finden. Das machen wir auf zwei Ebenen. Einmal im Unternehmen selbst, indem wir Menschen für Omnicare gewinnen, die sehr unterschiedliche Qualifikationen mit sich bringen. Und auf der anderen Seite, indem wir unsere Gesellschafter, unsere Kunden, aber auch die Onkologen miteinbeziehen.

Schaffen Sie damit eine völlige Neuordnung in der Versorgung Krebskranker?

Ich würde eher sagen, wir wollen das existierende gute System verbessern, auch durch Innovation. Im Zentrum steht ein Hand in Hand in alle Richtungen und über die gesamte Wertschöpfungskette. Für die optimale Versorgung von Krebspatienten in Deutschland brauchen wir beides – die Kliniken auf der einen Seite und das ambulante System auf der anderen Seite. Omnicare will dazu beitragen, die Durchlässigkeit der Systeme und auch die Kooperation zu verbessern.

Dient diesem Ziel auch die strenge Zertifizierung der Omnicare-Apotheken?

Natürlich. Die Patienten wollen in dieser für sie lebensbedrohlichen Situation zu 100 Prozent Sicherheit in Bezug auf die Qualität ihrer patientenindividuellen Arzneimitteltherapie. Aus diesem Grund ist das Qualitätssiegel entstanden. Die Zertifizierung garantiert einen einheitlichen Herstellungsprozess der Medikamente in der dezentralen Versorgungsstruktur, deren Qualität belegbar ist. Jeder Omnicare-Apotheker wird im Abstand von zwei Jahren anhand einer Liste mit über 300 Fragen bewertet und von einer TÜV-Organisation geprüft.

Der Vorteil für den Patienten leuchtet ein. Aber was ist mit den Apothekern selbst?

Wir arbeiten aktuell mit gut 50 Apotheken, den Gesellschaftern der Omnicare eng zusammen und kooperieren mit über 100 weiteren in Deutschland. Unser Modell zahlt sich für alle Beteiligten aus. Was im Übrigen dazu führt, dass wir bald wieder vermehrt Gespräche mit interessierten Apothekern führen wollen, die sich mit unserem Modell identifizieren können.

Wo sehen Sie Omnicare in fünf Jahren?

Wir wollen das marktführende Netzwerk, das die ambulante Onkologie in Deutschland enger zusammengeführt und in großen Teilen besser gemacht hat, bleiben. Als Moderator und Vermittler von innovativen Konzepten werden wir unsere Angebote in jedem einzelnen Schritt der Wertschöpfungskette kontinuierlich weiter verbessern. Und uns damit als erster Ansprechpartner bei der medikamentösen Versorgung in der ambulanten Onkologie profilieren. Wir verstehen uns als Mosaikstein in einem interdisziplinären Team aller an der onkologischen Therapie Beteiligten, um eine hoch qualitative, aber auch wirtschaftliche vernünftige Versorgung im Interesse der Patienten und im Interesse der gesamten Gesellschaft zu sichern. Unser Anliegen ist eine rechtlich einwandfreie und ethische Partnerschaft zwischen Patient, Arzt und Apotheke – zur Sicherung und zum Ausbau der bestmöglichen, menschlich zugewandten und wohnortnahen Versorgung von Krebspatienten.

Foto oberer Bildrand: Getty Images