Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Rohstoff Öl

"Hilfe, ich brenne"

BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels über die Politik der Scheichs, Mario Draghis nächsten Schachzug – und warum eine Benzinpreiserhöhung nicht immer das Schlechteste ist

Angesichts des dramatischen Preisverfalls auf dem Ölmarkt: Erleben wir gerade das Ende eines Zeitalters?

Michels: Das Erdölzeitalter an sich geht noch lange nicht zu Ende. Aber mit den Fracking-Aktivitäten in den USA schlagen wir jetzt ein ganz neues Kapitel dieses Zeitalters auf. Die vergangenen Jahrzehnte waren ja sehr stark durch die Politik der OPEC geprägt. Diese alten Strukturen gelten heute nicht mehr. Und ich glaube auch nicht, dass es Saudi-Arabien gelingen wird, die neuen Konkurrenten mittels niedriger Ölpreise dauerhaft aus dem Markt zu drängen.

Global-Denker:
Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB warnt vor den weltwirtschaftlichen Folgen eines dauerhaft niedrigen Ölpreises
Foto: BayernLB

Mit welchem Ölpreis rechnen Sie in nächster Zeit?

Auf Zwölf-Monatssicht mit etwa 45 Dollar.

Das heißt, die Zeiten, in denen das Barrel noch 130 Dollar kostete, sind erst mal vorbei?

Ich denke schon, es sei denn ein Club von Fracking-Firmen in den USA würde sich in kartellhafter Form mit den Scheichs in Saudi-Arabien zusammentun. Aber das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich.

Lässt sich der Verfall des Ölpreises auch damit erklären, dass die Industriestaaten pro Einheit Wirtschaftsleistung heute viel weniger Öl verbrauchen als noch vor 30 Jahren?

Langfristig beeinflusst natürlich auch dieser Trend den Preis. Aber noch viel stärker wird das aktuelle Marktgeschehen durch mittelfristige Konjunkturerwartungen geprägt. In dieser Beziehung ist China ein ganz wichtiger Faktor. Denn die zweistelligen Zuwachsraten, die wir noch vor Kurzem gesehen haben, gehören endgültig der Vergangenheit an. China wird nur noch um sechs bis sieben Prozent wachsen. Und dieses Wachstum wird auch nicht mehr so stark energieabhängig sein wie in der Vergangenheit.

Warum drosseln die Saudis nicht einfach ihre Produktion?

Sie wollen die USA als Öl-Produzenten in die Schranken weisen. Deren Produktionskosten sind schließlich sehr viel höher. Hinzu kommt die politische Veränderung im Nahen Osten, wo der Hauptgegenspieler Saudi-Arabiens, also der Iran, nach dem Ende der Sanktionen wieder zurück an den Markt drängt. Auch deshalb drosseln die Saudis ihre Produktion nicht. Sie wollen das Wiedererstarken des Irans verhindern.

Setzt die Entwicklung an den Märkten auch die EZB unter Druck?

Der Ölpreis spielt für die Inflationserwartungen eine zentrale Rolle und ein niedriger Ölpreis dämpft die Inflation nun mal. Die EZB wird deshalb alles versuchen, um gegenzusteuern. Es kann sehr gut sein, dass die Notenbank Ende des Jahres nochmals Zusatzmaßnahmen ergreifen wird, um die Inflation hochzutreiben. Wahrscheinlich über eine Ausweitung des Quantitative-Easing-Programms und über noch tiefere Zinsen.

Und in der Folge dann mit Helikoptergeld für alle?

Der Helikopter würde mit Sicherheit nicht über allen Bürgern kreisen, sondern über einem relativ begrenzten Terrain in Luxemburg, wo der European Fund for Strategic Investments seinen Sitz hat. Wie zu besten Zeiten vor der Finanzkrise könnte die EZB von diesem Fonds massenhaft Bonds kaufen, die dann europaweit in Infrastrukturprojekte fließen würden.

Aber die Zeche müsste eines Tages trotzdem gezahlt werden.

Selbstverständlich. Wenn die EZB ihre Kredite nicht zurückerhält, wird die Notenbank irgendwann negatives Kapital ausweisen – wie viele Hundert Milliarden Euro das auch sein mögen. Für die nächsten zwanzig Jahre müsste sich ein deutscher Finanzminister dann jedenfalls keine Gedanken mehr darüber machen, ob er von der Bundesbank noch einen Gewinn überwiesen bekommt. Auch wenn die Hürde für Helikoptergeld noch relativ hoch liegt, auszuschließen ist ein solches Szenario nicht.

Droht in den USA eine massive Pleitewelle in der Fracking-Industrie?

Die ist schon in vollem Gang. Im High-Yield-Bond-Markt in den USA entfallen etwa 16 Prozent des gesamten Marktes auf Energieunternehmen. Davon sind bereits 14 Prozent von Ausfällen betroffen.

Ist das Risiko ähnlich groß wie vor Ausbruch der Finanzkrise?

Die Banken sind in diesem Bereich nicht besonders stark engagiert. Ich glaube, das ist abfangbar. Wenn es Risiken gibt, dann über andere Kanäle. Erstens über die Ölförderländer, die gerade in Schieflage geraten. Und zweitens über die Entwicklungen im High-Yield-Markt selbst. Solange die Investoren davon überzeugt sind, dass es sich nur um ein energiespezifisches Problem handelt, wird nicht viel passieren. Aber wenn sie zu dem Schluss kommen, dass die Risikotragfähigkeit ihres Portfolios dadurch insgesamt leidet und sie deshalb höhere Aufschläge auch für andere Unternehmensanleihen verlangen, kann eine Kettenreaktion in Gang kommen, deren Dimension heute noch gar nicht absehbar ist.

Werden dann auch die Ölförderländer reihenweise die Assets ihrer Staatsfonds verkaufen?

Das könnte verschärfend hinzukommen. Hier würde dann nicht das klassische Firesale-Argument greifen, Hilfe mein Asset brennt, sondern ich als Halter brenne. Wenn ich meine Budgetdefizite aufgrund dauerhaft niedriger Ölpreise irgendwie ausgleichen muss, ist es naheliegend, Werte aus diesen Sovereign Wealth Funds zu verkaufen. Das hat Anfang des Jahres am Aktienmarkt ja auch schon zu deutlichen Kursverlusten geführt.

Die Scheichs in Riad überlegen sogar schon, ob sie ihren Ölkonzern Aramco an die Börse bringen sollen. Ist die Not tatsächlich schon so groß?

Auf jeden Fall zeigt es, dass der vermeintlich so starke Player nun doch nicht mehr so stark ist. Die Ölvorkommen sind das eine. Das andere ist der Lebensstandard, den die Saudis darauf aufgebaut haben. Diese Diskrepanz wird sich nun angleichen müssen.

Was ist schlimmer: hohe oder niedrige Ölpreise?

Am Ende des Tages hat beides seinen Preis. Bei etwa 50 Dollar herrschte eine gewisse Balance und alle Beteiligten lebten gut damit. Aber bei Preisen um die 30 Dollar bekommen auch die westlichen Industrieländer die Nachteile des günstigen Energiebezugs zu spüren. Wenn in Saudi-Arabien Investitionsprojekte aufgrund des Preisverfalls verschoben oder sogar gestrichen werden, hat das natürlich Auswirkungen auf die deutsche Exportwirtschaft. Ein Effekt, der die positiven Folgen, die sich aufgrund des niedrigen Ölpreises bei der Binnennachfrage einstellen, konterkariert.

Also sollten wir uns über die nächste Benzinpreiserhöhung an der Tankstelle freuen?

(Lacht). Als global denkende Beobachter schon. Zumindest kurzfristig.

Foto oberer Bildrand: Getty Images, aus dem Film "Die Unerschrockenen"