Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Rohstoff Öl

Ende eines Zeitalters

Trotz zwischenzeitlicher Erholung notiert der Ölpreis noch immer weit entfernt von seinen alten Höchstständen. Warum der Preisverfall für die Wirtschaft gefährlich werden kann
von Stefan Schmorrte

Venezuela, Mitte Februar: an einer Tankstelle irgendwo in Caracas. Der Preis für Super-Benzin steigt um 1.300 Prozent auf sechs Bolivar. Damit kostet der Liter Sprit beim Geldwechsel auf dem Schwarzmarkt zwar noch immer keine zehn Dollar-Cent. Aber trotzdem. Es ist eine Revolution im Paradies der Autofahrer – die erste Benzinpreiserhöhung seit 20 Jahren.

Zur ungefähr gleichen Zeit in Deutschland: Stau vor einer REWE-Tankstelle in Hürth, Stadtteil Efferen. Betreiber Kadi Özdemir senkt den Preis für den Liter Super auf zeitweise 1,129 Euro. Selbstzünder-Kraftstoff kostet bei ihm jetzt nur noch 0,86 Euro. „An Tagen wie Diesel", jubelt die Bildzeitung, „fährt man gern zum Tanken!"

Der Vergleich zeigt: Irgendetwas hat sich gravierend verändert im Verhältnis der Erdöl exportierenden und -importierenden Staaten, wenn Venezuela die Preise für sein schwarzes Gold im eigenen Land anheben muss, um den Staatshaushalt am Laufen zu halten. Verliert der nach Wasser wichtigste Rohstoff der Welt, das Blut der Wirtschaft und über Jahrzehnte hinweg der Schmierstoff von Wachstum und Wohlstand, nun womöglich an globaler Bedeutung? Neigen sich die Zeiten hoher Ölpreise ein für alle Mal dem Ende zu? „Die 130 Dollar, die noch vor Kurzem für ein Barrel Öl zu zahlen waren, werden wir so schnell nicht wiedersehen", sagt Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB. „Insofern ist die Frage, ob wir gerade das Ende eines Zeitalters erleben, durchaus berechtigt."

Rohstoff Nummer eins

Seit gut 150 Jahren regiert Öl die Welt. Begonnen hat alles 1859 in Pennsylvania, USA. Tausende Prospektoren bohren nach dem schwarzen Gold, dem neuen Rohstoff, der das teure Walöl in den Lampen ersetzen soll. Die Preise steigen und fallen mit der Zahl der entdeckten Quellen. Anfangs macht das Öl nicht jene reich, die es fördern, sondern jene, die es transportieren und verkaufen. Darunter einen bis dahin unbekannten Buchhalter aus Ohio: John D. Rockefeller. „Er hatte als Erster die geniale Idee, Petroleum in einer Standardqualität zu liefern", sagt der Pariser Ökonom und Spezialist für Energiefragen, Jean-Marie Chevalier. „Daher auch der Name seines Unternehmens Standard Oil Company, dem bald schon größten Erdölkonzern der Welt."

Mister Big Oil:
John D. Rockefeller hatte als Erster die geniale Idee, Petroleum in einer Standardqualität zu liefern – und wurde damit zum reichsten Menschen seiner Zeit.
Foto: mauritius images / MARKA/ Alamy

Im Grunde genommen erfindet Rockefeller schon zu seiner Zeit eine Art Nespresso-System der Wirtschaft. Reich machen ihn nicht seine Petroleum-Lampen, die er zu Spottpreisen verramscht, sondern der Stoff, der zunächst die Lampen im Land zum Leuchten bringt, und später dann, mit der beginnenden Massenmotorisierung durch Henry Ford und der Umstellung von Standard Oil auf Benzin, auch die Autos zum Fahren.

Damals bricht an, was Wirtschaftshistoriker heute als das „Zeitalter des Erdöls" bezeichnen. Überall werden nun neue Bohrtürme errichtet: im russischen Baku, in Indonesien, im Nahen Osten, in Mexiko und in Venezuela. Kein Werkstoff, kein modernes Verfahren ist bald noch ohne Öl vorstellbar: weder im Maschinen- und Fahrzeugbau noch in der chemischen Industrie oder in der Energiewirtschaft. Öl wird zum Rohstoff Nummer eins, zum Global Player, der den Blutkreislauf des Kapitalismus am Laufen hält und die Wohlstandsgewinne nach dem Zweiten Weltkrieg erst möglich macht.

Erste Krise und Sonntagsfahrverbot

An Nachschub herrscht die längste Zeit kein Mangel. Öl bleibt verhältnismäßig billig. Noch 1972 kostet das Barrel nominal nur 3,60 Dollar, geringfügig mehr als 1950. Bis sich im Herbst 1973, quasi über Nacht, alles ändert.

Wir schreiben den 25. November, Totensonntag in Deutschland. Selten hat dieser Tag seinen Namen mehr verdient als an diesem historischen Datum. Tot und verlassen präsentieren sich die Autobahnen im Land. Als Reaktion auf die horrend steigenden Preise für Treibstoff und Heizöl – verantwortlich dafür ist die Organisation erdölexportierender Länder, OPEC, die nach Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges ihre Fördermengen drosselt, um Druck auf die westlichen, proisraelischen Staaten auszuüben – verhängt die Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt das erste von insgesamt vier sonntäglichen Fahrverboten. Werktags gilt auf den Autobahnen nun ein vorübergehendes Tempolimit von 100 Stundenkilometern, auf den Landstraßen darf nur noch 80 gefahren werden.

„Dieses Erlebnis prägt bis heute unser kollektives Gedächtnis", sagt BayernLB-Chefvolkswirt Michels. „Nicht nur, weil der westlichen Welt damals schmerzhaft vor Augen geführt wird, wie abhängig sie vom steten Fluss des schwarzen Goldes ist. Sondern auch, weil die Endlichkeit der Ressource nun erstmals ins allgemein gesellschaftliche Bewusstsein rückt."

1972 veröffentlicht der Club of Rome seine „Grenzen des Wachstums" und es scheint beinahe so, als würden sich die düsteren Prognosen der Autoren schneller erfüllen, als den Politikern lieb ist. Der Dämpfer, den die erste Ölkrise der florierenden Nachkriegswirtschaft versetzt, ist erheblich. Die Industrieproduktion sinkt in Deutschland 1974 um 7,6 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt, das im Jahr zuvor noch um 5,3 Prozent gestiegen war, stagniert und fällt 1975 sogar. Die Arbeitslosenzahlen schnellen in die Höhe und überschreiten erstmals die magische Grenze von einer Million.

„Die Unerschrockenen“:
Der Spielfilm basiert auf der Geschichte des Feuerwehrmanns Red Adair, der sich mit seiner Firma auf das Löschen brennender Ölquellen spezialisierte. Über 1.000 solcher Brände konnte er im Laufe der Jahre löschen.
Foto: Getty Images

Billig-Öl als Konjunkturprogramm?

Damals entsteht das Mantra der Industrieländer des Westens. Es lautet: Je billiger das Öl, desto besser für die Wirtschaft. Denn sinkende Energiekosten bedeuten in der Folge ja auch sinkende Verbraucherpreise. Je weniger der Konsument an der Tankstelle zahlen muss, desto mehr bleibt ihm für seine anderen Bedürfnisse übrig. Mehr Kaufkraft, mehr Konsum, mehr Wachstum, so simpel klingt die Logik zum Ankurbeln der Konjunktur.

Nur, so einfach läuft es in der Praxis offenbar nicht. Als der Ölpreis zu Jahresbeginn 2016 zeitweise unter die Marke von 30 Dollar fällt, herrscht an den Börsen der Welt alles andere als Euphorie. Allein der DAX verliert binnen sechs Wochen fast 20 Prozent an Wert – der schlechteste Jahresstart in seiner Historie.

Billig-Öl als Konjunkturprogramm? Von wegen. „Aufgrund der Größenordnung des Preisverfalls sind auch die Auswirkungen für Europa nicht mehr unbedingt positiv zu sehen", sagt Martin Hüfner, Ex-Chefvolkswirt der HypoVereinsbank und heute in gleicher Funktion beim Luxemburger Vermögensverwalter Assenagon tätig.

Die Gefahren, die Volkswirte und Analysten benennen, sind äußerst vielfältig. Was wird jetzt aus den Klimaschutzzielen der UN, auf die sich die Politiker gerade erst in Paris verständigt haben? Lässt sich die Verbrennung fossiler Energierohstoffe wirklich eindämmen, wenn der Ölpreis auf Dauer so niedrig bleiben sollte? „Billiges Öl verleitet zur Verschwendung", sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Dadurch kann auch die Energiewende ernsthaft in Gefahr geraten, weil der Anreiz zum sparsamen Umgang mit der Ressource fehlt und Investitionen in klimaschonende Technologien unattraktiv werden. Insofern setzt ein dauerhaft niedriger Ölpreis die falschen Signale."

Der Weltenergiemarkt im Umbruch

Zweitens, und das ist mindestens ebenso bedeutsam, setzt die Entwicklung an den Märkten EZB-Chef Mario Draghi gehörig unter Druck. Jeden Monat kauft er für 60 Milliarden Euro (seit April sogar für 80 Milliarden) Anleihen auf, damit die Inflationsrate in der Eurozone endlich wieder auf die anvisierten zwei Prozent steigt – bislang erfolglos. Die Teuerungsrate in der Eurozone war im Februar und März sogar negativ, mit minus 0,2 und minus 0,1 Prozent – trotz Draghis geldpolitischen Feuerwerks der Extraklasse.

„Kommt die Inflation wegen der niedrigen Energiepreise auch künftig nicht in Gang, könnte die EZB versucht sein, noch mehr Geld zu drucken", sagt BayernLB-Experte Michels. „Mit all den negativen Folgen, die das nach sich ziehen kann." Ein nachlassender Reformeifer in den Krisenstaaten der EU, die Entstehung von Spekulationsblasen an den Finanz- und Immobilienmärkten und alles in allem das Ingangsetzen einer Schuldenlawine, die womöglich schon den Keim der nächsten Krise in sich tragen könnte.

Natürlich, so weit muss es nicht kommen. Noch ist der Weg ins wirtschaftliche Schattenreich nicht vollends asphaltiert – in eine Welt, die alles Gewohnte langsam ins Gegenteil verkehrt, aus Plus Minus macht und aus Sparzinsen Strafgebühren. Schließlich ist der Ölpreis nach jedem Tief bisher immer wieder auf ein neues Hoch geklettert. Das war selbst im Zuge der Finanzmarktkrise so, als der Ölpreis im zweiten Halbjahr 2008 zunächst um 79 Prozent absackte – um danach innerhalb von nur 16 Monaten bis April 2011 wieder um 274 Prozent zuzulegen.

Die altbekannte Wirkungskette hat in der Vergangenheit bisher stets funktioniert. Fielen die Preise zu stark, drosselte die OPEC unter Führung Saudi-Arabiens einfach ihre Fördermengen und schon stiegen die Preise wieder. Die Frage ist nur, ob dieser Mechanismus auch diesmal greift. Denn auf dem Weltenergiemarkt ist gerade ein Umbruch im Gange, den noch vor wenigen Jahren keiner für möglich hielt.

Seit sich die Amerikaner mittels Fracking vom Ölimport weitgehend unabhängig gemacht haben, ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Technologie selbst, die unter enormen Druck Öl und Gas aus den Tiefen der Erde presst, mag höchstumstritten sein. Aber Tatsache ist, dass die USA damit zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen sind – noch vor Saudi-Arabien, Russland oder Venezuela.

Wettrüsten der Ölmarkt-Player

Dass die Scheichs am Golf ihre Förderquoten in dieser auch für sie brenzligen Situation nicht schon längst gedrosselt haben, nährt die unterschiedlichsten Spekulationen. Eine davon, zugegeben etwas verschwörungstheoretisch, lautet in etwa so: Amerikaner und Saudis hätten in einer Art Geheimabsprache vereinbart, die Förderung hoch und die Preise niedrig zu halten, um Russland zu schwächen. Die andere, schon etwas plausiblere Erklärung unterstellt, dass die Saudis sinkende Margen bewusst in Kauf nehmen, um die unliebsamen Fracking-Konkurrenten in den USA in die Knie zu zwingen. „Die wollen die Schmerzgrenze der Amerikaner testen", sagt Sebastian Sachs, Öl- Analyst beim Bankhaus Metzler. „Nur deshalb pumpt Saudi-Arabien unverdrossen sein Öl in den Markt."

Es geht momentan also um sehr viel mehr als nur um Marktanteile. Es geht um die alles entscheidende Frage, wer den Weltenergiemarkt in Zukunft dominieren wird. Schon warnen die Experten der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris vor den Folgen des Wettrüstens. Für das erste Halbjahr 2016 rechnen sie mit einem anhaltenden Überangebot von 1,5 Millionen Barrel Öl täglich – auch, weil der Iran nach dem Ende des Embargos nun als mächtiger Player auf den Markt zurückkehrt. Die Welt droht in einem „Überangebot von Öl zu ertrinken", bilanzierten die IEAExperten bereits zu Beginn des Jahres.

Von Scheich Ahmed Zaki Yamani, als Ölminister Saudi-Arabiens von 1962 bis 1986 die zentrale Figur im internationalen Geschäft, stammt der schöne Satz: „Das Zeitalter der Steinzeit ist nicht aus einem Mangel an Steinen zu Ende gegangen und das Ölzeitalter wird nicht erst zu Ende gehen, wenn der letzte Tropfen Öl gefördert worden ist."

"Big Oil hat Schlagseite"

Yamani wollte seinerzeit darauf hinweisen, dass alternative Energien das schwarze Gold Saudi-Arabiens ersetzen könnten, lange bevor die Ressourcen seines Landes erschöpft seien. Doch heute, angesichts des dramatischen Preisverfalls an den Märkten, stellt sich in Riad eine ganz andere Frage: Geht das Goldene Zeitalter am Golf zu Ende – nicht etwa, weil es zu wenig, sondern weil es viel zu viel Öl gibt?

Der niedrige Ölpreis schadet allen Beteiligten. Zwar zogen die Notierungen in jüngster Zeit wieder etwas an – von rund 30 auf etwa 45 US-Dollar pro Barrel, doch das dürfte kaum reichen, um die Not zu lindern. Die Bilanzen der großen Konzerne sind schon seit Längerem schwer belastet. So kündigte Shell für das Schlussquartal 2015 einen Gewinneinbruch von mindestens 42 Prozent an, ExxonMobil sogar um 58 Prozent – die schlechtesten Quartalszahlen seit 2002.

Seit der Ölpreis vor anderthalb Jahren ins Rutschen geriet, haben die Unternehmen Milliarden an Börsenwert verloren. Und auch an Bedeutung. „Big Oil hat Schlagseite", titelte das Handelsblatt bereits im Sommer 2015. Seitdem hat sich die Lage nochmals deutlich verschlechtert. Mit Investitionskürzungen und einem massiven Stellenabbau stemmen sich die einst so stolzen Konzerne gegen den Preisverfall, aber in der gleichen Liga wie Apple, Google oder Microsoft spielen sie schon längst nicht mehr.

Besonders hart trifft die Krise die Fracking-Produzenten in den USA. Zum Beispiel in Williston, North Dakota, wo der neue Ölboom Amerikas vor ein paar Jahren begann. Der 39. Bundesstaat galt vielen schon als „Kuwait der Prärie", doch die einstige Euphorie ist mittlerweile spürbar eingetrübt. Gerade mal 45 Bohrtürme sind in der Gegend noch in Betrieb. Vor gut einem Jahr bedienten die Roughnecks, die rauen Männer an den Bohrlöchern, noch mehr als viermal so viele.

Fracking-Branche in Nöten

Fracking ist teuer. Trotz deutlicher Produktivitätssteigerungen brauchen die Produzenten Ölpreise von 50 bis 60 Dollar pro Fass, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Die ersten Unternehmen sind bereits Pleite gegangen und es könnten bald noch sehr viel mehr werden. Analyst Reagan Tuck Rutt vom Beratungshaus Wood Mackenzie in Houston ist überzeugt, dass die Zahl der Insolvenzen 2016 noch einmal signifikant steigen wird. „Es wird wirklich hässlich für die Branche", sagt er.

Und wohl nicht nur für die Branche selbst. Längst zittern auch die Investoren um ihr Geld. Die Angaben darüber, wie viele Milliarden womöglich auf der Kippe stehen, variieren, aber schwindelerregend sind sie alle. Nach Angaben von Merrill Lynch sollen die Öl- und Gasfirmen bei den Banken weltweit mit ins gesamt 2,5 Billionen Dollar in der Kreide stehen, 1,5 Billionen finanziert über Anleihen, der Rest über Kredite. Der Preisverfall auf den Ölmärkten, sagt DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen, stelle durchaus ein „systemisches Risiko" dar.

Die Gefahren, die von der Fracking-Industrie unmittelbar ausgehen, sind zwar relativ überschaubar. Das Volumen der High-Yield-Anleihen, mit denen sich die Branche in der Vergangenheit vorzugsweise finanziert hat, werden auf nur etwa 200 Milliarden Dollar geschätzt. Trotzdem grassiert unter Händlern die Angst vor einer Kettenreaktion. Was passiert, wenn die Anleger ihre Anleihen nun reihenweise abstoßen? Droht dann ein neuerlicher Dominoeffekt wie in der Finanzkrise 2008? Mit Panikverkäufen, in deren Folge auch Unternehmen unter die Räder geraten, die objektiv gar nicht vom Ölpreisverfall betroffen sind? Erst die Bohrtürme und dann die Banktürme?

„Ich halte diese Sorge momentan noch für übertrieben", sagt BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels. „Aber wenn der Ölpreis dauerhaft niedrig bleibt und infolge der Schieflage einiger Produzenten auch die Risikoaufschläge für andere Unternehmen steigen sollten, kann die Dimension der Krise schnell größer werden."

Niedriger Ölpreis - fragile Wirtschaft

Schon heute ist die Situation in vielen Förderländern äußerst brenzlig. Venezuela steht bereits kurz vor der Staatspleite. Und auch die russische Regierung steckt in tiefen Finanznöten. Selbst die Scheichs in Saudi-Arabien denken bereits laut darüber nach, einen Teil des staatseigenen Ölkonzerns Aramco an die Börse zu bringen. „Das klingt ungefähr so, als wäre der Vatikan gezwungen, Petersdom-Aktien zu verkaufen, um den Kirchenstaat zu finanzieren", merkt der Spiegel süffisant an.

Der Kommentar mag leicht übertrieben sein, aber die arabische Variante von Freibier für alle – mit hoch subventionierten Spritpreisen und einer weitgehend kostenlosen Gesundheitsversorgung – kostet nun mal Geld. Und Aramco wäre aus dem Stand immerhin das mit Abstand teuerste Unternehmen der Welt – mit einem Börsenwert, den Experten mal auf 800 Milliarden Dollar taxieren, mal auch auf sagenhafte zwei Billionen.

Sollten sich die scheuen Regenten in Riad mit dem Börsengang von Aramco tatsächlich überwinden, ihre Bücher für den Kapitalmarkt zu öffnen, wäre das vielleicht das deutlichste Signal dafür, dass sich nun wirklich ein zentrales Kapitel des Ölzeitalters dem Ende zuneigt.

„An Öl wird in absehbarer Zukunft jedenfalls kein Mangel herrschen", sagt Michels. „Aber die günstigen Preise, nach denen sich die Industrieländer des Westens so lange gesehnt haben, machen die Welt eben auch ein ganzes Stück fragiler."

Foto oberer Bildrand: aus dem Film "Die Unerschrockenen", Getty Images