Archiv/2016

MittelPunkt.

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Märkte & Finanzen

Frau Merkel sucht das Glück

Das Wirtschaftswachstum soll nicht mehr alleiniger Maßstab für die Lebenszufriedenheit der Deutschen sein. Doch mit einem Alternativansatz tut sich die Wissenschaft bisher schwer. Ein Essay über die Tücken der Statistik
von Stefan Schmortte

Geld allein macht auch nicht glücklich. Das sagt sich so leicht dahin, aber zumindest können die Befürworter dieser These ein gewichtiges Argument für sich reklamieren. Es stammt von Angus Stewart Deaton, Professor an der US-Elite-Universität Princeton und aktueller Wirtschaftsnobelpreisträger 2015. Nach Auswertung von insgesamt 450.000 Interviews fand er heraus: Zwar steigt das Glück mit jeder Gehaltserhöhung kontinuierlich an, aber nur bis zu einem Jahresnettoeinkommen von etwa 75.000 Dollar. Deatons Fazit: „Wer mehr verdient, ist deshalb keineswegs glücklicher."

Die Vermessung des Glücks:
Bundeskanzlerin Angela Merkel will die Lebenszufriedenheit der Deutschen messen. „Wir müssen noch viel intensiver die konkreten Vorstellungen von einem guten Leben in Erfahrung bringen und ein Indikatorensystem entwickeln, an dem sich die Politik orientieren kann“, sagt sie.
Illustration: Drushba Pankow/Tobias F. Wolf from Noun Project

Wenn das schon für den Einzelnen gilt, was ist dann erst mit dem großen Ganzen? Sagt das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Kennziffer des nationalen Reichtums und bis heute der gängigste Vergleichsmaßstab für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft, womöglich gar nichts aus über das wahre Wohlbefinden einer Gesellschaft? Ist die Steigerung des Sozialprodukts also gar nicht so entscheidend für ein bisschen mehr an Lebensfreude und Zufriedenheit?

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist da offenbar nicht mehr ganz so sicher. „Wir müssen noch viel intensiver die konkreten Vorstellungen von einem guten Leben in Erfahrung bringen und ein Indikatorensystem entwickeln, an dem sich die Politik orientieren kann", sagt sie. Und startete deshalb bereits im vorigen Jahr einen breit angelegten Bürgerdialog unter dem Motto „Gut leben in Deutschland" – mit mehr als 200 Veranstaltungen von Flensburg bis München.

Ziel der Initiative: endlich herauszufinden, was wirklich zählt. Was die Menschen satt und selig macht, abseits der Pegelstände, die das BIP anzeigt. Erst nach wissenschaftlicher Auswertung der Bürgerdialoge will die Bundesregierung nach der Sommerpause nun ihren Abschlussbericht mit Handlungsanweisungen für die nächsten Jahre vorlegen. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Wachstumserwartungen nicht länger das ausschließliche Kriterium für den politischen Entscheidungsprozess bleiben sollen. Und das keineswegs nur in Deutschland. Denn Angela Merkel ist nicht die erste Regierungschefin, die plötzlich das Glück für sich entdeckt.

Bereits 2008 setzte Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy eine hochrangige Expertenkommission unter Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz ein, um zu untersuchen, wie sich Wohlstand und sozialer Fortschritt messen lassen, ohne sich einseitig auf die alten Einkommensgrößen zu stützen. Schnell waren sich die Experten darin einig, dass die bisherigen Statistiken nicht den Wahrnehmungen der Bürger entsprechen. Mehr Staus auf den Autobahnen beispielsweise führen über einen erhöhten Benzinverbrauch zwar zu einer Steigerung des BIP, nicht aber zu mehr Wohlbefinden. Ähnlich kritisch: die sogenannten „defensiven Ausgaben", etwa für die Beseitigung von Umweltschäden. Auch sie schlagen sich in der Steigerung des Sozialprodukts nieder, obwohl kein Mensch mit diesen Ausgaben sozialen Fortschritt verbinden würde.

„Diejenigen, die unsere Gesellschaften mithilfe des Bruttoinlandsproduktes lenken wollen", sagt Nobelpreisträger Stiglitz deshalb, „sind wie Piloten ohne einen verlässlichen Kompass." Nur, wie müsste ein solcher Kompass beschaffen sein, wenn er den richtigen Weg weisen soll? Reicht es aus, die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) um ein paar Nachhaltigkeitsindikatoren zu ergänzen, damit die Lebenswirklichkeit besser erfasst werden kann? Sollten die Statistiker statt der Produktionsmengen nun eher die Einkommens- und Vermögensverteilung messen? Und müssen nicht auch immaterielle Werte wie Gesundheit, Bildung, politische Governance und persönliche Verwirklichungschancen noch viel stärkere Berücksichtigung finden?

Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise wird die Debatte über eine Alternative zum BIP mit neuer Leidenschaft geführt. Und es gibt auch schon eine ganze Reihe konkurrierender Indizes, von denen ihre Erfinder behaupten, sie könnten eine solche Alternative aufzeigen. Das Dumme ist nur: Die Ergebnisse sind alles andere als eindeutig. Nach dem Human Development Index der Vereinten Nationen etwa, der neben der Wirtschaftsleistung auch Daten über die Lebenserwartung und das Bildungsniveau der Bevölkerung erfasst, ist aktuell Norwegen das beste Land der Welt. Nach dem Happy Planet Index der britischen Denkfabrik New Economics Foundation steht die Schweiz auf Platz eins. Und beim Well-Being-Index des US-Forschungsinstituts Gallup, der nach der subjektiven Zufriedenheit der Menschen fragt, stiehlt ausgerechnet Panama allen anderen Nationen die Show.

Zwar sind die Menschen in dem Staat Mittelamerikas mit ihrer finanziellen Situation längst nicht so zufrieden wie etwa die Deutschen. Dafür punkten sie mit sozialen Werten. Sie fühlen sich wohl in ihren Beziehungen zu Familie und Mitmenschen, mögen ihre Wohnorte und sind ganz allgemein stolz auf die Gemeinschaft, in der sie leben. Alles Kriterien, die hierzulande auf sehr viel weniger Zustimmung stoßen und deshalb Deutschland im Gesamtranking des Well-Being-Index auf einen ziemlich miserablen 28. Platz verweisen.

Aber geht es den Deutschen denn wirklich schlechter als den Menschen in Panama? Ist der soziale Zusammenhalt für das Glück einer Nation höher zu bewerten als die materielle Sicherheit? Eine Enquetekommission des Bundestages, die sich bereits zwischen 2011 und 2013 mit dem Thema beschäftigte, kam in ihrem fast 1.000-seitigen Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass „die Tendenz zur Problematisierung und Artikulation des eigenen Unwohlbefindens in Deutschland traditionell stärker ausgeprägt" sei als in anderen Ländern. Etwas simpler ausgedrückt: Die Deutschen meckern halt gerne etwas mehr.

Was Ihr wollt:
Nach wissenschaftlicher Auswertung der Bürgerdialoge will die Bundesregierung demnächst ihren Abschlussbericht mit Handlungsanweisungen für die nächsten Jahre vorlegen
Illustration: Drushba Pankow

Trotzdem, das ist unter den Experten mittlerweile Konsens, braucht es wohl bald ein paar zusätzliche Indikatoren, um den Fortschritt der Gesellschaft adäquat zu messen. Nicht nur, weil das BIP allenfalls indirekt etwas über die sozialen und ökologischen Aspekte des Lebens aussagt. Sondern auch, weil die Statistik für einen langsam immer wichtiger werdenden Bereich des Wohlstands blind ist.

„Die digitale Revolution stellt eine neue Herausforderung für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung dar", sagt etwa Michael Grömling, Konjunkturchef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. „Während die Nutzung vieler digitaler Güter nicht in den Produktionsstatistiken erscheint, schlägt sich der Produktivitätsrückgang der substituierten Güter dort längst negativ nieder."

Ein Auto, das per Car-Sharing von fünf Menschen geteilt wird, steigert das BIP nur noch um eine Produktionseinheit. Die Mobilität hat sich deshalb aber nicht unbedingt verringert. Filme und Musik, die per Streaming-Dienst im Abonnement verfügbar sind, schmälern zwar den Verkauf von CDs und DVDs, nicht aber das Entertainmentangebot für das Publikum. Und all die Lexika-Artikel, die heute auf Wikipedia statt im Brockhaus nachgeschlagen werden, machen die Welt ebenfalls nicht ärmer – nur, weil keiner mehr die 30-bändige Goldschnitt-Enzyklopädie für ein paar Tausend Euro kauft.

„Diese Wohlstandseffekte werden durch das BIP bisher nicht erfasst", sagt Grömling. „Wenn wir ein realistisches Bild von den Lebensverhältnissen erhalten wollen, müssen wir unsere Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung um diese neuen Aspekte erweitern. Am besten in Form einer gesonderten Satellitenanalyse, um die Objektivität des etablierten Messverfahrens nicht negativ zu beeinflussen." Erweitern, modernisieren oder reformieren – es ist alles andere als einfach mit dem BIP wie auch mit dem Glück. Überhaupt kursieren in der Forschung so viele Thesen, dass der Überblick leicht verloren gehen kann. Angeblich leben Verheiratete glücklicher als Singles und auch Kinder sollen glücklich machen – allerdings erst, wenn sie außer Haus sind.

Vergleichsweise einfach hat es sich in dieser Hinsicht der König von Bhutan gemacht. Bereits Anfang der 1970er-Jahre rief er das Glück zum obersten Ziel seiner Politik aus. Und 2008, nach dem Regierungsantritt seines Sohnes Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, hat dieses Ziel in dem 750.000 Einwohner zählenden Himalaya-Staat sogar Verfassungsstatus erhalten. Im Artikel 9, Absatz 2 heißt es: „Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen."

Vielleicht war es nur große Verlegenheit, die den Königsvater einst dazu trieb, das schöne Wort vom Bruttoinlandsglück zu erfinden. Schließlich ist es mit dem BIP selbst nicht so weit her im Reich des Donnerdrachens. Ein Fünftel der Bevölkerung lebt noch immer in bitterer Armut. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei umgerechnet nur etwa 2.000 Dollar. Und auch in den internationalen Indizes zum Wohlbefinden der Nationen sucht man den Staat vergeblich.

Die einzige Zahl, die bekannt ist und auch schon etwas älter, stammt vom Gross National Happiness Centre in Thimphu, der Hauptstadt Bhutans und gewissermaßen so etwas wie das Glücksministerium des Landes. Danach sind bereits 40,9 Prozent der Menschen in Bhutan glücklich.

Fragt sich nur, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel dieses Glück im Auge hat, wenn sie jetzt über die Aussagekraft des BIP nachdenken lässt. Denn die Schwächen dieser Kennzahl sind zugleich seine größte Stärke. „Wie ein gigantischer Filter fasst die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Unmengen von Daten zu einer einzigen Zahl zusammen, international standardisiert und deshalb absolut vergleichbar", sagt IW-Konjunkturchef Grömling. „Aktuell erfasst die BIP-Statistik für Deutschland immerhin Wirtschaftsaktivitäten von gut 3.000 Milliarden Euro. Kaum vorstellbar, dass wir auf eine so komplexe Zahl künftig verzichten wollen."

Illustration oberer Bildrand: Drushba Pankow