Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Ausblick

Wahltag ist Zahltag

Warum die Händler am Finanzmarkt den 23. Juni und den 8. November in ihren Kalendern rot angestrichen haben – und weshalb die Idee vom Helikoptergeld im Euroraum nicht funktioniert. Hier analysieren Jürgen Michels, Leiter Research der BayernLB, und sein Team die wichtigsten Trends der nächsten Monate.

1.000 für jeden. So stellte sich Milton Friedman seinerzeit das Geschenk der Zentralbank vor.

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Kommt jetzt das Helikoptergeld?

Die Idee vom Helikoptergeld geht auf den Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman zurück. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn die Zentralbank zur Belebung der Inflation direkt Geld an die Bevölkerung verteilen würde, per Hubschrauber 1.000 Dollar für jeden. Eine solche Idee käme für den Euroraum unseres Erachtens nach allerdings kaum infrage. Denn neben den logistischen Problemen könnte sich die EZB letztlich nicht sicher sein, ob die Bürger das erhaltene Geld auch tatsächlich ausgeben würden, selbst wenn man diesen Effekt durch eine Art Verfallsdatum des vom Himmel gefallenen Geldes minimieren könnte. Schon eher ließe sich folgender Plan umsetzen: Die EZB schüttet das Geld an eine quasistaatliche Institution aus, die damit im großen Stil Infrastrukturinvestitionen tätigt. Um nicht gegen die EU-Regeln zu verstoßen, müsste dafür ein besonderes Vehikel genutzt werden. Mit dem Europäischen Fonds für strategische Investitionen (EFSI), besser bekannt als Juncker-Plan, gäbe es ein solches Konstrukt im Prinzip auch schon. Die Hürden für eine solche Maßnahme sind aus unserer Sicht dennoch sehr hoch, da die EZB in der Zukunft Verluste aus diesen Geschäften erleiden würde, die später dann indirekt auf die Mitgliedsländer zu verteilen wären.

80 Mrd. Euro gibt die EZB pro Monat für den Kauf von Anleihen aus.

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Wird die Zentralbank nun auch direkt zum Gläubiger der Unternehmen?

Im März hat die EZB ihre Geldpolitik mit einem umfangreichen Maßnahmenbündel weiter gelockert und beschlossen, auch Unternehmensanleihen anzukaufen. Offenbar kann sie nur so das Volumen ihrer Anleihekäufe von bisher 60 auf nun 80 Mrd. Euro erhöhen. Auf jeden Fall zielt die EZB damit auf eine Senkung der zuletzt gestiegenen Risikoprämien für Unternehmen am Kapitalmarkt. Auch wenn das Programm zum Ankauf der Unternehmensanleihen erst zum 1. Juni startete und noch wichtige Fragen zur Art der Käufe offen waren, sanken die Risikoprämien am Kapitalmarkt bereits unmittelbar nach der Entscheidung. Wie bei den anderen Lockerungsmaßnahmen gilt aber auch hier: Die negativen Nebenwirkungen kompensieren zunehmend die beabsichtigten positiven Effekte. Verzerrungen im Wettbewerb unter den Unternehmen könnten die Folge sein wie auch das Risiko eines weiteren Liquiditätsverlustes und einer höheren Volatilität am Sekundärmarkt. Zudem schürt die EZB damit langfristig eine gewisse Erwartungshaltung bei den Investoren. Das kann insbesondere dann problematisch werden, wenn die Risikoprämien aufgrund von externen Risikofaktoren erneut ansteigen sollten.

8. November ist Wahltag für den neuen US-Präsidenten.

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Wie lange beschäftigt uns der US-Vorwahlkampf noch?

Am 8. November steht in den USA wieder eine Präsidentschaftswahl an. Wer zu dieser Wahl tatsächlich antritt, bleibt auch nach Wochen einer der kuriosesten Vorwahl-Phasen der US-Geschichte offen. Nachdem auf republikanischer Seite diverse Kandidaten ihre Aufstellung zurückgezogen haben, hat Anfang Mai auch der letzte ernst zu nehmende Gegenkandidat zum umstrittenen Unternehmer Donald Trump, Senator Ted Cruz, seine Kandidatur aufgegeben. Damit wird Trump wohl bis zum Parteitag der Republikaner im Juli die ausreichende Anzahl der Delegiertenstimmen für eine Nominierung erhalten. Sein Rückhalt durch die Parteispitze ist jedoch gering, womit sich die Republikaner in einer schwierigen Situation befinden. Bei den Demokraten liegt die ehemalige Senatorin Hillary Clinton dank der Unterstützung der Parteispitze („Super-Delegierte") deutlich vor ihrem Kontrahenten Bernie Sanders. Die regionalen Vorwahlen zeigen aber, dass sich die Parteibasis bei den Demokraten noch nicht klar positioniert hat. In den aktuellen Umfragen (vor der Aufgabe von Cruz) liegt Clinton deutlich vor Trump. Sollte sie Präsidentin werden, dürfte sich die Wirtschaftspolitik der USA wenig ändern. Bei einem Erfolg von Trump wäre dagegen mit einer deutlich steigenden Staatsverschuldung zu rechnen.

10% hat das Pfund seit November verloren.

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Was geschieht, wenn sich die Briten tatsächlich für einen Austritt aus der EU entscheiden?

Das Risiko eines Brexit ist in den vergangenen Monaten spürbar gestiegen. Das lässt sich an den Finanzmärkten bereits ablesen: Seit November hat das Pfund handelsgewichtet rund 10 Prozent an Wert verloren. In den Umfragen liegen Befürworter und Gegner zwar fast gleichauf, ausschlaggebend werden am 23. Juni, dem Tag der Abstimmung, aber die Unentschiedenen sein, deren Zahl mit etwa 15 Prozent weiterhin sehr hoch ist. Zudem hat sich der beliebte Ex-Bürgermeister Londons, Boris Johnson, der „Leave"-Kampagne angeschlossen und die Enthüllungen um die Briefkastenfirma von David Camerons Vater in Panama haben dem Premier als Anführer der „In"-Kampagne ein zusätzliches Glaubwürdigkeitsproblem beschert. Auch die aktuelle Flüchtlingskrise, die in Großbritannien besonders kritisch beäugt wird, ist Wasser auf die Mühlen der Austrittsbefürworter. Im Vorfeld der Abstimmung ist jedenfalls mit weiteren größeren Abwertungswellen beim Pfund und Schwankungen am Aktienmarkt zu rechnen. Aus einem Votum für einen Brexit dürfte aber nicht nur Großbritannien selbst geschwächt hervorgehen. Neben den wirtschaftlich negativen Folgen könnten die politischen noch viel weitreichender sein. So wäre ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens eventuell eine Art Blaupause für andere EU-Länder (etwa für Frankreich) und würde die Zukunft der Gemeinschaft und des Euro insgesamt infrage stellen.