Archiv/2016

MittelPunkt.

Das Magazin der BayernLB

Unternehmen & Management

Fehlerkultur

Wer klug ist, macht nicht alle Fehler allein. Er gibt auch anderen eine Chance. Denn Scheitern kann der Volkswirtschaft als Ganzes nutzen
von Stefan Schmortte

"Der Meier hat´s verbockt"

Beispiel Penicillin. Als Alexander Fleming erholt aus seinem Sommerurlaub zurückkehrt und am frühen Morgen im Labor des Londoner St. Mary’s Hospital seine Staphylokokken-Kulturen kontrolliert, fällt ihm eine Probe besonders auf. Ein Schimmelpilz hat die Bakterien während seiner Abwesenheit verunreinigt – nur, weil er die Petrischale offenbar nicht sauber verschlossen hatte.

Ein dummer Fehler – aber einer, der in der Folge Millionen Menschen das Leben rettet. Denn als Fleming die unbrauchbar gewordene Probe, kurz bevor er sie schon wegwerfen will, noch einmal unter dem Mikroskop inspiziert, sieht er es plötzlich: In der unmittelbaren Umgebung des Schimmelpilzes haben sich die Krankheitserreger aufgelöst. Seine Schlussfolgerung: Der Pilz muss sehr wahrscheinlich eine bakterientötende Substanz freisetzen.

Heute, knapp 90 Jahre nach der Entdeckung des Penicillins, für die Fleming später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist die Medizin ohne ihre Antibiotika nicht mehr vorstellbar. Infektionskrankheiten, die früher tödlich endeten, lassen sich dank Amoxypen & Co. mittlerweile schnell und unproblematisch in den Griff bekommen. Und warum? Nur, weil ein dummer Fehler, eine bloße Schlampigkeit eines zerstreuten Professors diese Erfolgsgeschichte erst möglich gemacht hat.

Natürlich, nicht jeder Fehler zieht derart positive Folgen nach sich. Aber das Beispiel zeigt, dass einige der bedeutendsten Köpfe der Wissenschaft niemals berühmt geworden wären, wenn sie nicht auch einmal richtig Mist gebaut hätten.

Was also ist dran an dem sprichwörtlichen Schaden, der angeblich klüger macht? Gibt es so etwas wie eine positive Kraft, die aus dem Missgeschick entsteht? Oder anders gefragt: Was soll gut daran sein, wenn sich die Fertigstellung des „Fluchhafens Berlin" (FAZ) Monat für Monat weiter verzögert? Wenn Yahoo-Vorstandschefin Marissa Mayer ihren COO Henrique DeCastro nach nur fünfzehnmonatigem Gastspiel wieder feuern muss, weil er sich für sie als äußerst teure Fehlbesetzung erweist. Oder wenn VW nach dem Abgas-Skandal nun vor der schlimmsten Bewährungsprobe der Konzerngeschichte steht?

Zumindest im Fall von VW, darin sind sich die meisten Kommentatoren einig, herrschte unter dem langjährigen Vorstandschef Martin Winterkorn eine Unternehmenskultur, die den Skandal erst möglich gemacht hat. „In einem solchen Klima ist der gut gemeinte Hinweis eines Einzelnen, dass Ziele korrigiert werden müssen, weil eine Technik vielleicht nicht wie gedacht funktioniert, kein Geschenk, sondern lediglich ein Störfaktor", sagt der Münchner Unternehmensberater Kishor Sridhar.

Positiv gewendet sollen die Fehler der Vergangenheit in Wolfsburg nun also dazu führen, dass dort eine neue Kultur der Offenheit einzieht – inklusive der Duldung von Kritik und des menschlichen, allzu menschlichen Makels, dass nun mal keiner frei von Versagen oder Irrtum ist.

Teppichkunst: In jedem orientalischen Meisterwerk steckt ganz bewusst ein Fehler. Alles andere gilt als gotteslästerlich. Denn nur der Allmächtige ist ohne Fehler. Dieser Tradition fühlt sich der Bochumer Teppichdesigner Jan Kath verpflichtet, dessen Entwürfe mit dem Reiz des Fehlerhaften spielen. Hier der Teppich „Tabriz Canal Rocked“ aus der Erased-Heritage-Kollektion.

Foto: www.jan-kath.de

Die „Fehlerkultur" ist seit den 90er-Jahren ein gern strapazierter Begriff in der Management-Literatur. Unzählige Bücher widmen sich dem Thema. Sie beschwören „Die Kunst des Scheiterns", loben das „Menschenrecht auf Irrtum" und feiern den „professionellen Umgang mit Fehlern". Doch in der betrieblichen Praxis ist davon bis heute noch immer viel zu wenig zu spüren.

„Im Rahmen unserer Unternehmenskultur-Studie 2015 haben wir Sachbearbeiter bis Vorstände danach befragt, wie sie in ihrem Unternehmen mit Fehlern umgehen", sagt die Darmstädter Beraterin Sabine Gilliar. „40 Prozent sagten uns, dass es wünschenswert wäre, wenn Fehler im Betrieb offen angesprochen würden, ohne Schuld zuzuweisen, sondern um daraus zu lernen."

Die Betonung liegt auf „wünschenswert", weil das Gegenteil noch immer oft der Fall ist. „In den meisten Unternehmen werden Probleme unter den Teppich gekehrt", sagt Personalexpertin Heidi Stopper. „Ist das ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr möglich, wird sofort ein Schuldiger gesucht und die Jagd auf ihn eröffnet. Die gepriesene Fehlerkultur? Fehlanzeige!"

Ganz offenbar scheut die Menschheit noch immer den sensiblen Umgang mit dem Scheitern. Sie hasst den Misserfolg und führt ihn regelmäßig mit einer großen Portion Schadenfreude in abschreckenden Beispielen vor – etwa, wenn selbst ernannte Super-Nannys im Fernsehen auf überforderte Eltern losgelassen werden, armselige Bauern zwecks mangelnden Eigenerfolgs in TV-Shows auf Brautschau gehen oder Restauranttester strauchelnde Gastronomen vor ihrem Ruin retten. Alles Sendungen, die vor allem eines lehren: wie man es auf keinen Fall machen darf, wenn man weiterkommen will. Schulfernsehen von der Schattenseite. 

Farbwelten: In den Teppichentwürfen von Jan Kath spielen Verwandlung und Erosion eine zentrale Rolle. Die Qualität jedoch ist kompromisslos konservativ.

Foto: www.jan-kath.de

Dabei mangelt es nicht an prominenten Beispielen ausgewiesener Top-Managern, die gerade ihre Fehlschläge preisen. Vom legendären General-Motors-Forschungschef Charles Kettering etwa, der im Laufe seines Lebens rund 300 Erfindungen zum Patent anmeldete, ist das Bonmot überliefert, er habe „in 99,9 Prozent der Fälle falschgelegen". Und der langjährige IBM-Chef Thomas Watson meinte einmal sogar, „der schnellste Weg zum Erfolg" sei es, „die Fehlerrate zu verdoppeln."

Beides Amerikaner, denen in Sachen Fehlertoleranz eine Souveränität attestiert wird, die Experten hierzulande noch vermissen. „Wenn Sie in einem Unternehmen in den USA über Fehler reden, reagieren die Leute geradezu enthusiastisch. Toll, da können wir etwas lernen", sagt Michael Frese, Wirtschaftspsychologe an der Leuphana Universität Lüneburg und Professor an der Nationaluniversität Singapur. In Deutschland hingegen höre er häufig: „Fehler? Gibt’s bei uns nicht." Und wenn deutsche Manager, rückblickend auf ihre eigene Karriere, doch einmal einen Patzer zugeben würden, dann sagten sie sehr häufig etwas in der Art wie: „Ich habe den Fehler eines Kollegen nicht früh genug erkannt."

Das ist noch immer typisch für den Büroalltag zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. „Mich trifft keine Schuld. Der Meier hat’s verbockt." Nur ist fraglich, ob sich die großen Veränderungen, denen die Unternehmen gerade ausgesetzt sind, damit wirklich meistern lassen. „Fehler und Irrtümer sind nicht nur schädlich, sie sind zugleich Motor des Fortschritts", sagt Frese. „Wer nur danach trachtet, Fehler auf Biegen und Brechen zu vermeiden, wagt am Ende gar nichts mehr, ist nicht kreativ und innovativ."

Dieses scheinbare Paradoxon, dass gerade im Misserfolg das Herz des Erfolgs schlägt, entdeckte der österreichische Nationalökonom Joseph A. Schumpeter schon vor bald hundert Jahren. In den 40igern lehrte er, dass der Kapitalismus nur deshalb so hervorragend funktioniert, weil ständig irgendjemand daneben liegt. Unter dem Begriff der „schöpferischen Zerstörung" erklärte er die pausenlose Vernichtung zur Ursuppe allen Wohlstands und beklagte es als den größten Fehler von allen, sollte man versuchen, das Scheitern zu unterbinden. Was Schumpeter von der „Too big to fail"-Regel gehalten hätte, dürfte somit klar sein: gar nichts. 

Tradition verpflichtet: Jan Kath stammt in dritter Generation aus einer Teppichhändler-Familie. Er zählt heute zu den bedeutendsten Teppichdesignern weltweit.

Foto: www.jan-kath.de

Gerade in Deutschland quält die Angst vor dem Versagen besonders stark und hält Menschen davon ab, ihre Träume zu verwirklichen. Zum Beispiel ein eigenes Unternehmen zu gründen. „In Amerika zählt der Versuch, in Deutschland nur das Ergebnis", sagt Hubertus Porschen, Gründer und CEO von iConsultants in Köln, einer Dienstleistungsagentur, die Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle unterstützt. „Laut einer Studie der Uni Hohenheim", sagt Porschen, „sind 42 Prozent der Deutschen der Meinung, man solle kein eigenes Unternehmen gründen, wenn das Risiko des Scheiterns besteht."

Für ihn selbst eine beängstigende Zahl. Denn etwas lieber unversucht zu lassen, nur weil man das damit verbundene Risiko des Scheiterns lieber nicht auf sich nehmen will, „ist nicht nur eine Mentalitätsfrage, sondern auch ein echter Bremsklotz für unsere Volkswirtschaft." In seinem eigenen, 2010 gegründeten Unternehmen setzt der promovierte Volkswirt und Vorsitzende des Verbands „Die jungen Unternehmer" deshalb lieber auf das Prinzip „Mit Fehler, aber ohne Tadel". „Für Fehlentscheidungen rollen bei uns keine Köpfe", sagt Porschen. „Wir wollen, dass niemand Angst vor Fehlern haben muss. Denn ohne Fehler gibt es nun mal auch keine Innovation."

Das weiß vielleicht niemand besser als jener Typus Jungunternehmer, der sich im Zuge der New Economy mit einem Start-up schon einmal selbst in die Eigenständigkeit wagte – und darüber pleiteging. Leute aus den euphorischen „Think Big"-Zeiten, die von Pech und Pannen zu berichten haben und das mittlerweile sogar öffentlich tun.

Auf ihren sogenannten „Fuckup-Nights" in Berlin, Düsseldorf oder Stuttgart erzählen Gründer dem Publikum heute freimütig von ihrem ganz persönlichen Scheitern und warum das keine Schande sei. Das ist ihre neue Art, mit Fehlern umzugehen: offen, ehrlich, unverkrampft.

Die Idee selbst, 2012 in Mexiko geboren, ist übrigens alles andere als ein Flop. Fuckup-Nights gibt es mittlerweile in mehr als hundert Städten weltweit.