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Unternehmen & Management

Albrecht Dürer Airport

Der Renaissance-Maler Albrecht Dürer ist der Namenspatron des Nürnberger Flughafens. Das passt heute mehr denn je. Denn auch der Airport im Fränkischen erlebt gerade eine Art Renaissance. Eine Spurensuche
von Olaf Butterbrod

Wohin die Reise geht

Deutlich weniger als hundert Schritte. Vom Eingang bis zur Sicherheitskontrolle im Flughafen Nürnberg ist es jetzt nur noch ein Katzensprung. Die Gäste können ihr Auto direkt am Terminal parken und erreichen die Passagierkontrolle binnen weniger Minuten. Kurze Wege, viel Komfort – und genau sein Ding.

Für Michael Hupe, seit zweieinhalb Jahren Geschäftsführer des Albrecht Dürer Airports Nürnberg, stellen die im Dezember beendeten Umbauarbeiten einen Meilenstein im Kampf um die Gunst der Passagiere dar. Knapp vier Millionen Euro hat die Neugestaltung gekostet, aber sie ist ihm jeden Cent wert. „Nun ist das Gesamtpaket bei uns attraktiver als an den großen Konkurrenzflughäfen", sagt er mit Blick in Richtung Frankfurt und München.

Sein Selbstbewusstsein kann sich Hupe angesichts der Zahlen durchaus erlauben. 3,4 Millionen Passagiere starteten im vergangenen Jahr von Nürnberg aus in die Lüfte, rund 3,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Damit liegt die Steigerung zwar nur im ungefähren Mittel der insgesamt 22 in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) zusammengeschlossenen Airports. Aber für den Albrecht Dürer Airport markiert der Zuwachs eine echte Trendwende. Denn von 2010 bis 2014 kannte die Zahl der Passagiere dort nur eine Richtung: nach unten. Inzwischen ist die Gewinnzone für den Flughafen wieder in greifbare Nähe gerückt. Endlich.

Dabei war die Ausgangslage für Michael Hupe nicht sehr rosig, als er im November 2013 seinen Job antrat. Kurz zuvor hatte die in Turbulenzen geratene airberlin ihr touristisches Winter-Drehkreuz in Nürnberg aufgelöst. Das kostete den Flughafen auf einen Schlag knapp 500.000 Fluggäste, weitere 90.000 kamen aufgrund der Streichung von airberlin-Linienflügen ab Nürnberg hinzu.

„Das war alles andere als optimal", sagt Hupe. Airberlin ist mit einem Marktanteil von 30 Prozent, in Spitzenzeiten waren es mal 60, zwar nach wie vor die größte Fluggesellschaft vor Ort. Aber die Abhängigkeit hat sich mittlerweile deutlich verringert. Hupe: „Wir sind seit zwei Jahren auf Expansion ausgerichtet. Seither ist es uns gelungen zu diversifizieren, neue Airlines nach Nürnberg zu locken, neue Ziele und neue Produkte anzubieten. Wir haben den Hof einfach etwas bunter gemacht."

Ready for take off: Neue Airlines wie Tuifly und Sun Express starten mit ihren Maschinen jetzt auch von Franken aus.
Foto: Stefan Minx

Im Charterbereich kamen mit TUIfy und SunExpress zwei neue Airlines hinzu, die attraktive Urlaubsdestinationen anbieten. Neben den klassischen Zielen wie Palma de Mallorca, Antalya oder die Kanarischen Inseln wurden damit auch Nischen wie Menorca, Izmir oder Ankara erschlossen. Davon profitieren auch die Veranstalter wie FTI oder TUI, die mit jenen Airlines die Märkte bedienen und so auf Wachstumskurs gingen. „Wir haben für Konkurrenz gesorgt und die belebt bekanntlich das Geschäft", sagt Hupe.

Die Zuwächse im Linienbereich sind vor allem auf den Einsatz größerer Flugzeuge zurückzuführen. Ein Phänomen, das sich nicht nur in Nürnberg beobachten lässt und auch erklärt, warum die Zahl der Flugbewegungen mancherorts sinkt, die Passagierzahlen aber trotzdem steigen. „Klassische Netzwerk-Airlines bestellen neue Flugzeuge zumeist nur noch, um alte zu ersetzen", erklärt Hupe. „Sie steuern damit in der Regel keine neuen Ziele an, sondern optimieren nur ihre bestehenden Strecken über die Drehkreuze durch den Einsatz größerer Maschinen bei gleichzeitig geringerem Kerosinverbrauch. Richtig wachsen im Grunde genommen nur noch die Low-Cost-Airlines, die zusätzliche Flugzeuge bestellen."

Dazu gehören Fluggesellschaften wie Wizz Air, die ab Nürnberg aktuell drei Strecken bedienen, oder ein Unternehmen wie Ryanair, das im Sommer von Nürnberg aus ebenfalls drei Ziele anbietet. Die Aufgaben im Charter- und Linienverkehr wurden also aktiv angegangen. Dabei, so Hupe, sei Geld in der Kasse geblieben, da die Preispolitik gegenüber den Airlines nicht verwässert worden sei.

Hinzu kommt ein weiteres Standbein, das mittlerweile Einnahmen im siebenstelligen Euro-Bereich generiert und auf dem in Zukunft ein besonderes Augenmerk liegen soll: die Zusatzerlöse. Zum Beispiel aus dem Parken oder dem Betreiben von Ladengeschäften. Ähnlich wie der Flughafen Franz Josef Strauß in München engagiert sich der Nürnberger Airport als Einzelhändler, etwa als Manager des großen Dutyfree-Shops und Betreiber des „Nürnberg Store", den die Flughafengesellschaft vor anderthalb Jahren von Grund auf modernisiert hat – und mit dem sie 2015 erstmals mehr als eine Million Euro umsetzen konnte. „Wir verdienen eben nicht nur durch die Bereitstellung der Infrastruktur, sondern auch durch den Service drum herum", sagt Hupe.

Foto: Stefan Minx

Und wohin geht die Reise für die Luftfahrt- und Tourismusbranche ganz allgemein? Nicht nur in Nürnberg bereitet die zunehmende Streikbereitschaft von Bodenpersonal und Piloten den Managern Sorgen. Zum Beispiel bei der Lufthansa: Erst im vergangenen November rief die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO ihre Mitglieder zum bislang härtesten Arbeitskampf in der Geschichte des deutschen Branchenprimus auf. 4.700 Flüge fielen aus, 550.000 Passagiere saßen an den Flughäfen fest. Auf 140 Millionen Euro Schaden beziffert Lufthansa-Chef Carsten Spohr allein den Streik im November – nicht mitgerechnet die Tarifkonflikte in den Monaten davor und im Jahr 2014, in denen die Piloten insgesamt 13-mal die Arbeit niederlegten. In der Summe bescherte das der Kranich-Linie ein Minus von einer halben Milliarde Euro.

Natürlich, der Schaden trifft in erster Linie die Fluggesellschaften selbst. Wie ein Schleier lägen die Streiks mittlerweile über der Marke Lufthansa, räumte der Marketingchef der Airline, Alexander Schlaubitz, unlängst ein. Zuvor hatte schon der Ex-Lufthansa-Vorstand und jetzige Austrian-Airlines-Chef Kay Kratky gewarnt, es bestehe die Gefahr, dass Reisen mit einer deutschen Fluggesellschaft von den Kunden nicht mehr als der zuverlässigste Weg wahrgenommen würden und sie sich Alternativen suchen würden. Und Martin Schmitt, Finanzvorstand der Lufthansa Cargo, stellte sogar fest: „Unser bisheriges Alleinstellungsmerkmal als Qualitätscarrier erodiert langsam."

Aber die Streiks treffen eben nicht nur die Fluggesellschaften allein. „Wir stehen in der Nahrungskette weit hinten", sagt der Nürnberger Airport-Chef Hupe. „Trotzdem müssen auch wir Arbeitskräfte disponieren. Werden Flüge gestrichen, ist das Personal trotzdem vor Ort und muss bezahlt werden." Hinzu kommen Terrorangst und Terrorgefahr an den deutschen wie internationalen Flughäfen. „Das ist eine in dieser Dimension neue Entwicklung, die uns global betrifft und mit der wir uns in den nächsten Jahren verstärkt auseinandersetzen müssen", sagt Hupe. Zwar sei der Luftverkehr mit seinen hohen Sicherheitsanforderungen und Kontrollmöglichkeiten im Vergleich zu Straße und Schiene noch immer die sicherste Verkehrsart von allen. „Aber auch wenn wir hoffen, dass der Gast auch künftig gerne ins Flugzeug steigt, weil wir nach dem Stand von Technik und Ermittlungsarbeit unser Bestmöglichstes tun, bringt das natürlich wenig, wenn es in den Zielgebieten, in die wir fliegen, Probleme gibt."

So wie etwa im Juni vergangenen Jahres, als an einem Strand von Sousse in Tunesien 38 Urlauber starben, ermordet von einem Islamisten. „In den Tagen nach dem Anschlag kam der gesamte Flugverkehr von Nürnberg nach Tunesien zum Erliegen", erinnert sich Hupe. Selbst Destinationen wie die Malediven sind von Terrorgefahr betroffen, auch wenn die Reiselust der Deutschen nach wie vor ungebrochen scheint.

Foto: Stefan Minx

Das sind die Rahmenbedingungen, die Hupe mit seinen Kollegen in Frankfurt und München teilt. Die übermächtigen Nachbarn im Westen und Süden haben 2014 rund 100 Millionen Passagiere befördert – fast so viele wie die übrigen 20 deutschen ADV-Flughäfen zusammen genommen. Dennoch antwortet Hupe auf die Frage, ob die Luft zwischen diesen beiden dicken Sandwichscheiben nicht sehr schnell ziemlich dünn werde, mit einem unentschiedenen Jein. „Natürlich fließt viel Verkehr an uns vorbei an die beiden Drehkreuze", sagt er. „Mit dieser geografischen Last müssen wir leben. Doch wenn wir attraktive Produkte haben, werden wir die Kunden aus unserer Region davon überzeugen, nicht nach Frankfurt oder München zu fahren. Das wollen die Leute doch auch gar nicht." Also mehr attraktive Ziele, noch mehr Verbindungen.

Ein Argument aus Frankfurt und München lässt Hupe übrigens nicht gelten. Es lautet: „Was beschwert Ihr euch denn, Ihr habt doch eine 24-Stunden-Betriebsgenehmigung." So weit, so richtig. Insbesondere die Passagier-Airlines, die in die Türkei fliegen, fragen Nachtfüge genauso häufig an wie Tagflüge. Schließlich bescheren diese Verbindungen den Passagieren zwei Urlaubstage mehr. Sie können bei ihrer Ankunft ihr Handtuch schon frühmorgens an den Strand legen und am letzten Tag den Urlaubsort noch bis in den späten Abend genießen. Doch das Privileg ist nicht unumstritten. Stichwort: Lärmschutz für die Anwohner. „Uns ist an einer einvernehmlichen Partnerschaft mit den Anwohnern sehr gelegen", sagt Hupe. „Deshalb werden wir in dieser Hinsicht auch künftig nicht akquisitorisch aktiv, weder im Passagier- noch im Cargobereich."

Seine 24-Stunden-Betriebsgenehmigung würde der 51-jährige Flughafenmanager deshalb sofort eintauschen – gegen „die exklusiven Einflugberechtigungen, über die Frankfurt und München für Airlines aus bestimmten Ländern verfügen." Aber dass Gesellschaften wie Etihad, Emirates oder Qatar Airways bald auch einen direkten Zugang zum Nürnberger Streckennetz erhalten und der Albrecht Dürer Airport neben München damit für die Bayern zum zweiten weiten Tor zur Welt wird, ist aktuell eher unwahrscheinlich.

Aber wie sagte es Bayerns Finanzminister Markus Söder doch so schön bei der Eröffnung der neuen Sicherheitskontrolle im vergangenen Dezember? „Der Albrecht Dürer Airport Nürnberg ist das Tor zur Welt für Nordbayern." Das ist doch schon mal ein Anfang.